Bundi – blaue Perle in Rajasthan

Wir haben auf dich gewartet, strahlte Pappu, der Hotelbesitzer, mich an. Nickende Köpfe in der Runde. Es war halb zwölf Uhr nachts. Ich hatte meinen Rucksack auf das mir zugewiesene Doppelbett in meinem Zimmer geworfen und war direkt auf die Dachterrasse des Energy Café gebracht worden. Über uns thronte, an den Hügel geschmiegt wie ein Bau aus dem Herrn der Ringe, das orange beleuchtete Fort.

Seit du gestern angerufen hast, haben wir auf dich gewartet, ergänzte Vikas lächelnd.

Auf der Zugfahrt Udaipur - Bundi

Auf der Zugfahrt Udaipur – Bundi

Auf der Zugfahrt Udaipur - Bundi

Auf der Zugfahrt Udaipur – Bundi

Das war meine Begrüßung in Bundi nach einer für indische Verhältnisse kurzen fünfstündigen Zugfahrt. Ich hatte aus meinem Fehler gelernt und diesmal die Klimaanlage im Zug vermieden, was mich ein Drittel des Preises zahlen und zugleich gesund ankommen ließ.

Im Zug traf ich Paj, einen Chinesen, der ein Jahr lang um die ganze Welt reisen wollte. Er trug eine 4000-Euro teure Kamera mit sich herum. Als sich uns am Bahnhof eine Schar aufgeregt kreischender Riksha-Fahrer entgegenwarf, erwies Paj sich als harter Hund. Ein Fahrer sagte, er sei im Auftrag des Hotels unterwegs, in dem Paj absteigen wollte – die Fahrt koste 150 Rps..

Paj ließ ihn das Hotel anrufen.

Wie ist mein Name?, schrie er ins Telefon. Sagen Sie mir meinen Namen! Er lauschte. Meinen kompletten Namen, fauchte er dann. 150 Rupees will der! Das ist verrückt! Ich lasse mich doch nicht verarschen, das sind 5 Kilometer, ich zahle nicht mehr als 50!

Der Fahrer gab letztlich nach. Whatever you say, Sir!

Nein, nein, nein!, knurrte Paj. Wir machen jetzt einen Deal. 60 Rupees für uns beide.

Also holperten wir über die bislang schlechteste Straße Indiens nach Bundi. Ich hielt panisch grinsend meinen Rucksack im Kofferraum der Riksha fest und bewunderte Paj für seine Abgebrühtheit. Ich hätte vermutlich mindestens 100 Rps. bezahlt. Wenn nicht mehr.

Das Energy Café hatte mir eine Amerikanerin in Udaipur empfohlen. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Ich wurde sofort als Teil der Gemeinschaft aufgenommen. Bis ein Uhr nachts saßen wir beisammen und unterhielten uns. Ich spürte noch immer das von Raj gesäte Misstrauen in mir, ermahnte mich aber dazu zu vertrauen.

Morgenblick vom Energy Café

Morgenblick vom Energy Café

 

Frau genießt den Abendblick über Bundi

Frau genießt den Abendblick über Bundi

Am nächsten Tag ließ ich es ruhig angehen. Ich wanderte durch die Gassen der Stadt, fasziniert von der blauen Farbe der Häuser allenthalben.

Blaue Häuser in Bundi

Blaue Häuser in Bundi

Bundi ist kleiner und weit weniger touristisch als Udaipur. Der Großteil der hiesigen Reisenden besteht aus Franzosen. Sobald ich den eigentlich Stadtkern verlasse, sind die Menschen unglaublich freundlich und offen, lachen mir zu, grüßen mich, kommentieren mein Lippenpiercing, die Kinder wollen meine Hand schütteln.

Bundi

Bundi

Im Zentrum gibt es einen überbordenden Markt. Dort wird alles feilgeboten, was man sich denken kann, von Obst, Gemüse und Gewürzen über Kleidung, Schmuck, Speicherkarten und Handys bis hin zu Zahnersatz-Angeboten.

Markt in Bundi

Markt in Bundi

Markt in Bundi

Markt in Bundi

Markt in Bundi

Markt in Bundi

Wo auch immer ich entlang lief, schallte mir die Frage entgegen:

Your country, Sir? Country?

Germany.

Good country. Very good country.

Indische Kinder

Indische Kinder

Menschen neben dem Markt in Bundi

Menschen neben dem Markt in Bundi

Am zweiten Abend lud mich Vikas ein, mit ihm zum Geburtstag eines Freundes zu kommen. Ich setzte mich also hinter ihn auf sein Motorrad und wir kurvten durch die verrückten Straßen der Stadt. Kühe, Wildschweine, Hunde, alte Männer mit Leiterwagen, Rikshas, Roller, Fahrräder, Affen – all das macht eine solche Fahrt zu einem abenteuerlichen Slalom. Glücklichweise hatte ich meine Furcht vor chaotischem Verkehr damals auf Pietros Roller in Rom abgelegt. Solange jeder auf jeden achtet, funktioniert es.

Kühe lieben Karton

Kühe lieben Karton

Erfrischendes Schlammbad

Erfrischendes Schlammbad

Affe

Affe

Wir verließen die Stadt und fuhren über eine Landstraße zu einem abgelegenen kleinen Heiligtum im Wald. Die Lichter der entgegenkommenden LKWs ließen auch nachts den Wunsch nach einer Sonnenbrille aufkommen. Vikas‘ Freunde riefen alle drei Minuten auf seinem Handy an und sagten, wir sollten uns beeilen. Als wir das dritte Mal stoppten, um einen solchen Anruf entgegenzunehmen, meinte ich zu ihm, dass wir vermutlich niemals ankämen, wenn wir die nächsten Anrufe nicht einfach ignorierten. Fortan ließ er es klingeln.

Im Wald war es still. Der Mond stand hoch am Himmel und verzauberte die Szenerie mit seinem silbernen Licht. Vikas entzündete ein komplettes Päckchen Räucherstäbchen an dem kleinen Schrein. Wenige Meter weiter saßen seine Freunde zusammen und spielten mit Steinen, Streichhölzern und Holzstöckchen auf einem aufgezeichneten Spielbrett ein improvisiertes Brettspiel. Aufgeschnittene Eicheln dienten als Würfel.

Obwohl ich noch immer praktisch kein Hindi spreche, sind Aufregung und Geschrei beim Spiel in allen Sprachen gleich.

Improvisiertes Brettspiel

Improvisiertes Brettspiel

Danach setzten wir uns im Kreis auf den Boden und aßen. Ein alter Mann hatte vor Ort Dal, Curry und Reis über dem offenen Feuer zubereitet. Dazu gab es bathi, ein frisch gebackenes, dunkles Brot – das Beste, das ich bislang hier probiert habe und eine Art gewürzten Lassi. Alles war scharf. Natürlich. Auch habe ich noch immer meine Probleme damit, Reis und Curry mit den Händen zu essen, ich fühle mich wie ein Schwein. Mit dem normalen Chapati bereitet mir das weniger Unbehagen. Danach gab es eine der landestypischen Süßspeisen, die zumeist aus wenig weiter als Zucker, Zucker und Zucker bestehen. Ideal nach der Schärfe.

Vikas (rechts) beim Essen

Vikas (rechts) beim Essen

Getrunken wird auf einer solchen Feier nicht. Undenkbar in Deutschland. Nach zwei Stunden brachen wir wieder auf – diesmal zu dritt auf einem Roller, da inzwischen mehr Menschen angekommen waren. Alles kein Problem.

Vikas, der mich dorthin mitgenommen hatte, ist toll. Unglaublich hilfsbereit und liebevoll. Ich hörte, wie er im Wald zu einem Freund sagte: no costumer, friend.

Später, auf der Dachterrasse des Energy Café, fragte ich ihn nach seiner Ex-Freundin. Ich hatte nur am Rande mitbekommen, dass er eine Trennung hinter sich hatte.

Sieben Jahre seien sie zusammen gewesen, ohne dass ihre Familien davon gewusst hätten. Hätten sich in einer benachbarten Stadt getroffen oder im leerstehenden Haus eines Freundes. Dann hätten sie heiraten wollen, doch die Familie seiner Freundin habe es untersagt, da sie nicht der gleichen Kaste angehörten. Seine Augen schimmerten.

Das muss schwer für dich sein. Ich legte meine Hand auf seinen Oberarm.

Ich habe dir neulich schon gesagt, erwiderte er, die Vergangenheit existiert nicht für mich. Nur die Gegenwart und die Zukunft. Er lächelte, als er das sagte. So ganz glaubte ich ihm dennoch nicht.

Als ich hier ankam, stellte ich fest, dass ich das Aufladekabel meines Netbooks in Udaipur vergessen hatte. Obschon ich keine Ahnung hatte, wie das hatte passieren können, blieb mir nichts anderes, als mich um Ersatz zu kümmern. Ich fürchtete, dass ich fortan auf meinen Rechner verzichten müsste und diese Aussicht kam mir alles andere als gelegen. Vikas beruhigte mich. Kein Problem. Ich habe einen Freund, der einen Computerladen hat. Morgen rufe ich ihn an.

Ich war noch immer beunruhigt, doch dann dachte ich mir: Das ist Indien. Improvisation ist hier Grundprinzip, also gibt es vermutlich wirklich kein Problem.

Am nächsten Mittag ging ich in Vikas‘ Touristenbüro. Wie versprochen kümmerte er sich um mein Problem.

Sonu, eine Seele von einem Menschen, der mit den Locals ein ums andere Mal Ärger bekommt, weil er Touristen die Wahrheit sagt und ihnen keine falschen Preise vorgaukelt, meinte, er bringe mich mit seinem Motorrad hin, weil er sowieso in diese Richtung müsse. Auf dem Rückweg ließe er mich am Markt raus, den Rest könne ich dann laufen, weil er zum Essen nach Hause fahre.

Sonu und Margarete

Sonu und Margarete

Zwar hatte der Laden meinen Adapter nicht vorrätig, doch versprachen sie mir, ihn bis zum Abend zu besorgen. Vikas brachte ihn mir dann am Abend ins Energy Café.

Großartig. Wenn Vikas meint, es gebe kein Problem, gibt es kein Problem.

Eine weitere Gestalt in meinem Leben hier ist Aman, Vikas‘ 14-jähriger Cousin. Er ist ein Mensch, über den ich mich permanent totlachen könnte. Riesige schwarze Welpenaugen, ein Körper, in dessen schlacksigen Gliedmaßen er sich noch nicht recht zu Hause zu fühlen scheint und die ursprünglichste aller Justin-Bieber-Frisuren.

Aman

Aman

Er pflegt eine Art Gangster-Style, versucht cool und erwachsen zu wirken. Um sich seiner selbst und der Zuneigung seines Umfelds zu versichern, erwartet er spätestens alle zwei Minuten einen Handschlag. Seit zwei Tagen geht es sogar noch weiter. Sobald ich in der Nähe bin, möchte er unter allen Umständen neben mir sitzen und meine Hand halten.

Gestern Abend fragte mich Margarete, eine Australierin, irritiert, ob er auf meinem Schoß sitze. Tat er nicht, aber aussagekräftige Frage.

Das alles wäre wohl das allerletzte, was Jungs in seinem Alter in Deutschland als cool empfänden. Dabei ist er liebenswert und hilfsbereit, wie so viele Menschen hier.

Trotz all dieser wundervollen Menschen um mich her, fühlte ich mich in den beiden folgenden Tagen ein wenig einsam. Mir fehlte das Gespräch mit Gleichgesinnten. Die Franzosen, mit denen ich einen Tag auf dem Fort verbrachte, erwiesen sich als eingeschworene Gemeinschaft, die sich zu 95 Prozent auf Französisch unterhielt. Zudem schienen sie nicht besonders an einem geistigen Austausch interessiert – zumindest nicht mit Nicht-Franzosen.

Nach zwei solchen Tagen zweifelte ich ein wenig an mir selbst, an meinem Umfeld, an meiner Fähigkeit, mich auf unterschiedliche Menschen einzulassen. Dann sandte ich einen Wunsch nach passenden Gesprächspartnern aus.

Seit dem darauffolgenden Abend konnte ich mich vor Gesprächen nicht retten. Faszinierend. Gestern Abend war ich soweit, dass ich ein anderes Restaurant aufsuchte, weil ich dachte, dort allein zu sein, doch mir nichts dir nichts fand ich mich in ein Gespräch mit einem schwedischen und einem englischen Pärchen verwickelt.

Ich will mich nicht beklagen. Im Gegenteil, die letzten Tage waren ausgesprochen bereichernd. Ich lernte Flo kennen, einen Deutschen, der sich auf einer mehrjährigen Weltreise befindet (www.weltsafari.com) und ein ausgesprochen faszinierender Mensch mit einem beeindruckenden Faktenwissen ist.

Flo

Flo

Vorgestern Abend unterhielt ich mich bei einer Flasche Weißwein, die ich mir mit Sonus Hilfe in einem außerhalb gelegenen Liquor Store besorgt hatte, stundenlang mit Flo über Weltgeschichte und Politik. Am Nachmittag hatte ich mich mit dem familiären Hintergrund meiner zukünftigen Roman-Protagonisten beschäftigt. Die Großeltern-Generation entstammt der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, somit hatte ich mir jede Menge Gedanken über die Weltkriege, die politischen Einstellungen, Lebens- und Todesdaten und dergleichen mehr zu machen.

Wie sich herausstellte, war Flo der ideale Gesprächspartner hierfür. Sein Vater war bis zur Wende Professor für Kommunismus und Marxismus in Ost-Berlin, sein Großvater ein dekorierter Held der Roten Armee, der in Stalingrad gegen Hitlers Truppen gekämpft hatte.

Gestern wanderten wir gemeinsam mit Alex, einem Québécois, und Nicolas, einem Franzosen, zum nahegelegenen See und danach weiter zu einem Shiva-Tempel, der hoch oben auf einem Berg gelegen war. Die Treppen stecken mir heute noch in den Beinen.

On the Road

On the Road

Auch eine Möglichkeit

Auch eine Möglichkeit

Wir verbrachten den halben Tag auf diesem Ausflug. Auf der staubigen Landstraße winkten uns die Menschen zu und lachten. Als wir am Fuße des Tempelberges einen Chai tranken und Alex seine Mundharmonika herauszog, war uns endgültig die Aufmerksamkeit aller sicher.

See in der Nähe von Bundi

See in der Nähe von Bundi

Heute Abend beginnt das Holi-Fest – morgen Vormittag geht es dann rund. Farben und Spritzpistole habe ich bereits erstanden. Gut, diesen besonderen Tag hier mit meinen neuen Freunden zu verbringen.

Vikas

Vikas

Ich  frage mich nur, wie ich mit der hiesigen Kaltwasser-Eimer-Dusche jemals wieder sauber werden soll. Aber darüber kann ich mir dann morgen Abend Gedanken machen.

Kuh hat Vorfahrt

Kuh hat Vorfahrt

Männer auf dem Markt

Männer auf dem Markt

Er hat's verstanden

Er hat’s verstanden

 

Happy Holi!!

1 Gedanke.

  1. Happy Holi 🙂 Da wäre ich auch gern mal dabei, alles bunt :)! Ich verschlinge Deine Berichte regelrecht, danke, dass Du uns bei Deiner Reise teilhaben lässt!
    Und das mit der Dusche… Wie machen es denn die Einheimischen? Spezialseife? 😉 Ich wünsche Dir ganz viel Spaß morgen!
    Liebe Grüße!

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