Betrachtungen aus dem luftleeren Raum

Da ich heute einen Tag Kreativitätspause einlege, komme ich nach längerem dazu, Euch einen kleinen Lagebericht zu senden.

Bis vergangenen Mittwoch hatten wir drei Wochen Non-Stop-Besuch – ich habe in meiner letzten Mail ja bereits vom Besuch von Manus Eltern und Familie berichtet. Kaum dass die vier die Heimreise angetreten hatten (Manus Papa mit einem Sieben-Kilo-Schweinebein im Gepäck, das ihn seither – wie wir aus gut unterrichteten Kreisen erfahren haben – tagtäglich beglückt), kündigten sich Hansi und Uschi (mein Papa samts neuer Frau) an und schon war die Bude wieder voll.

Dennoch freute ich mich sehr, dass auch ich endlich Besuch aus der Heimat bekam – und meine telefonisch vorher verordneten Verhaltensregeln sorgten dafür, dass wir zu fünft eine sehr entspannte Woche verlebten (Judith war ebenfalls noch da – zu ihrem Glück hatten wir beim Wohnungsumstellen zuvor bemerkt, dass eines unserer Sofas eine Schlafcouch ist, sodass sie es unter dem Fenster mit Meeresrauschen ganz bequem hatte).

Hansi und Uschi sind gemeinhin als pflegeleicht anzusehen – und sie nahmen uns auch nicht übel, dass wir sie die „alten Dackel“ nannten (bei „Dackelchen“ war die Grenze dann aber erreicht).

Beide waren von unserer Wohnung angetan – keine Wunder, seit wir Wohn- und Essbereich vertauscht haben, ist es noch gemütlicher, das Meer besorgt dann den Rest.

Gemeinsam fuhren wir für zwei Tage in die Sierra de Guara, wo der Herbst Einzug gehalten hatte, während hier an der Küste noch spätsommerliche Temperaturen herrschen. Das Meer ist zwar kühl unterdes, noch nicht so kalt allerdings, dass es uns vom Baden und Fische beobachten abhielte.

Aber die Sierra ist als Mittelgebirge im Landesinneren anderen klimatischen Bedingungen unterworfen und so erwarteten uns gelbbeblätterte Bäume und ein kühler Abend.

Diesen verbrachten wir hinter unserem Campingplatz – wir hatten diesmal einen Bungalow gemietet, dessen Wände ähnlich schalldicht waren wie eine gemeine Streichholzschachtel – und Hansi, der sein Teleskop mitgebracht hatte, begeisterte uns mit der Beobachtung des Sternenhimmels.

Faszinierend, die Oberfläche des Mondes in solcher Vergrößerung sehen zu können. Doch auch die diversen Sternhaufen (sowohl Kugelsternhaufen als auch offene Sternhaufen), die Andromeda-Galaxie, der Jupiter und seine vier sichtbaren Monde und natürlich Hansis Kenntnis sämtlicher Sternbilder des Nachthimmels zogen uns trotz Kühle und Genickstarre stundenlang in ihren Bann.

Am nächsten Vormittag wollten wir das angenehme Herbstklima nutzen, um endlich die Sierra zu Fuß zu erkunden, was sich bald als schwieriger herausstellte denn geplant.

Der Weg zum nächstgelegenen Dorf Rodellar führte uns im wahrsten Sinne über Stock und Stein, aber auch über Felsenlabyrinthe und an steil abfallenden Abhängen entlang. Der grausige Höhepunkt war ein Wegstück, dass man nur im Spinnengang bewältigen konnte.

Der Spaßfaktor hing hierbei stark mit dem Rang auf der sportlichen Evolutionsleiter zusammen: Manu sprang gämsgleich voran, Uschi liebt abenteuerliche Wege, ich biss die Zähne zusammen und schwor mir einmal mehr, allen Menschen, die mich zum Klettern bekehren wollen, eine endgültige Absage zu erteilen und Hansi ächzte, fluchte.und gab bekannt, dass der Begriff Abenteuerurlaub nie etwas anderes als ein Schimpfwort gewesen sei. (Uschi hingegen zeigte sich dankbar, dass sie diesmal die Auswahl des Weges nicht selbst zu verantworten hatte)

Die Gemüter beruhigten sich wieder, als wir oben angekommen waren und die Einkehr anstand.

Unser gemeinsamer Ausflug nach Barcelona war weniger abenteuerlich, wenngleich ebenfalls strapaziös – das lag aber in diesem Fall eher am mehrstündigen Einkaufsbummel.

Während die alten Dackel Kirchen abklapperten, schlingerten wir durch die zahllosen kleinen Läden im Barrio Gótico und im Raval.

In Barcelona ist die Monopolisierung der Einkaufsmöglichkeiten erfreulicherweise noch nicht so weit fortgeschritten wie in deutschen Fußgängerzonen, was bedeutet, dass das Shoppen hier noch Spaß macht, da es nicht nötig ist, Läden wie H&M, C&A, Benetton oder die der restlichen Globalisierungsgewinnler zu betreten.

Seit Mittwoch Morgen sind Manu und ich nun alleine – in unserer neuen Wohnung ist das beinahe ein Prämiere, da wir kaum eine Woche hier wohnten, bevor der Besucher-Tsunami anrollte.

Insofern heißt es sich jetzt erst mal neu sortieren und an die mehr oder minder traute Zweisamkeit gewöhnen.

Ich selbst habe die letzten Tage im Arbeitswahn verbracht. Wie ein Fabrikarbeiter zimmerte ich stundenlang an der Überarbeitung des „Kyriel“ herum – von morgens um acht bis mindestens nachmittags um vier, teils sogar bis abends um acht.

Denkfabrik.

Die inspirierende Lektüre von Sol Steins Buch „Über das Schreiben“ habe ich mittlerweile abgeschlossen – bis ich all diese Ideen sortiert habe, wird noch eine Weile vergehen.

Wer glaubt, es sei ein Zuckerschlecken, seiner „Berufung“ zu folgen, sei hiermit eines Besseren belehrt.

Der große Vorteil ist allerdings, dass mich diese Beschäftigung mit Sprache erfüllt, dass macht es wieder wett, dass ich mich abends völlig ausgelaugt fühle.

Eine Frage, die Euch gleichfalls interessieren könnte, ist mein Gefühl bezüglich des Lebens hier.

Derzeit habe ich das Gefühl, an überhaupt keinem Ort zu leben.

Eher im luftleeren Raum.

Das Klima am Meer ist toll zur Zeit – sehr viel angenehmer als in den Sommermonaten – und ich mag die Umgebung.

Dennoch leben wir isoliert, haben  keinerlei Kontakte, nicht zuletzt, da unsere Wohnung wieder ab vom Schuss liegt. Der Berlinerin Judith wurde es hier schnell zäh.

Ich selbst bringe es noch nicht mal über mich, mich als Ausländer zu fühlen – denn wann fällt mir das auf, außer beim Brotkauf (ich kenne die Namen der Brotsorten nicht, habe auch das Gefühl, sie variieren je nach Verkäufer im Tante-Carmen-Laden nebenan)?

Das mag sich nach Unzufriedenheit anhören, der Schein trügt jedoch.

Vielmehr werde ich gerade auf eine Art auf mich selbst zurückgeworfen, die mir in dieser Rigurosität nicht bekannt war.

Was ich feststelle, ist, dass ich es liebe auf den Flügeln meiner Gedanken umher zu schweifen, mich Stund um Stund in meiner Erzählung zu verlieren – meine Figuren sind derzeit meine engsten Freunde, denn mit wem beschäftige ich mich auch nur annähernd so viel?

Ich schätze diese Erfahrung, fühle mich zufrieden und arbeite daran, mein Leben solange in dieser Form aufrecht zu erhalten, bis ich Kyriel beendet habe.

Ob das realistisch ist?

Ich hoffe.

Das Ziel steht, der Weg wird sich weisen.

Danach werden die Karten neu gemischt, denn ich habe vor, diesen Roman auch zu veröffentlichen – und so das klappt, wer weiß, was dann geschieht.

Manu, der es stets gewohnt war, Menschen um sich zu haben, tut sich mit dieser Situation schwerer – sie zwingt ihn, sich mit seiner eigenen Kreativität auseinanderzusetzen, doch noch ist die Langeweile nicht groß genug. Julia Camerons „Weg des Künstlers“ aber begleitet uns – ich hoffe, sie weist ihm die richtige Richtung.

Leinwände und Acrylfarben haben wir schon gekauft – mal sehen, wer sich als erster daran versucht!

So, Ihr Lieben, obschon ich zufrieden bin, bedeutet es nicht, dass ich die Gespräche mit Euch nicht vermisse – wird man selbst doch in seinem ganzen Verhalten auf Dauer betriebsblind, wenn einen niemand spiegelt.

Soll heißen, ich freue mich wie immer von Euch schwerbeschäftigten Menschen zu hören!

Gehabt’s Euch wohl!

Elyseo

 Cambrils, 05.Oktober 2009

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