Bernhard Hennen – Drachenelfen „Die Windgängerin“ (Band 2) – Ein Nachklang

Gestern habe ich Bernhard Hennens neuen Roman Die Windgängerin aus seiner Drachenelfen-Trilogie beendet. Dieses Buch ist bereits das Neunte, dessen Handlung Hennen in der komplexen Elfen-Welt ansiedelt, wobei die Drachenelfen-Trilogie zu einer Zeit spielt, die weit vor den Geschehnissen der Elfen-Tetralogie und der Elfenritter-Trilogie liegt.

Wie auch bei den Vorgängerwerken versteht Bernhard Hennen es meisterhaft, den Leser in den Bann seiner Fantasy-Welt zu ziehen, wenngleich ich das Gefühl hatte, dass die Geschichte sich diesmal eine Spur zu langsam anlässt.

Dies liegt nicht zuletzt an der Vielzahl von Perspektiven, aus denen sich Hennens Elfenromane zusammensetzen.

Diese perspektivische Vielfalt gehört jedoch zugleich zu den Stärken von Hennens Werken, bricht sie doch mit der Fantasy-üblichen Schwarzweißmalerei. Selbst wenn der Leser eine vorgefertigte Meinung darüber haben sollte, welche Figuren und Wesenheiten in der Elfenwelt gut oder böse seien, macht es die Einnahme verschiedener Standpunkte von Seiten des Autors schlechterdings unmöglich, klar Partei zu ergreifen. Der Autor lässt seine Figuren so agieren, dass sie dem Leser nachvollziehbar werden. Dies gilt sogar für Nebenfiguren, denen bisweilen nur ein Kapitel lang eine eigene Sicht zugestanden wird. So erhält beispielsweise selbst der gedungene Meuchelmörder eine eigene Geschichte, die ihn zwar nicht zur Identifikationsfigur macht, dem Leser aber zumindest Verständnis für seinen Werdegang abnötigt.

Zahlreiche derartige Intermezzi rücken Hennens Schaffen in die Nähe morgenländischer Erzähl­tradition. In seinem Werk erzeugt er ein dichtes Gewebe miteinander verknüpfter Erzählungen, einem orientalischen Teppich nicht unähnlich.

Durch die Mannigfaltigkeit der Erzählstandpunkte entsteht eine Vieldeutigkeit, eine Vieldeutbarkeit gar, die Hennen indes abermals bricht. Die meisten seiner Romanfiguren sind im Widerstreit positiver und negativer Eigenschaften gefangen. Diese Zerrissenheit macht Hennens Figuren zutiefst menschlich – seien es Elfen, Zwerge, Unsterbliche, Prinzessinnen, Drachen – und hebt seine Elfenwelt weit über den Durchschnitt der gängigen Fantasy-Literatur. Hennens Elfenromane stecken voller Analogien zur Welt unseres Alltags.

Zur Handlung:

Die Handlung folgt im Wesentlichen drei Strängen.

Einer der Stränge erzählt von den Erlebnissen der Elfen Nandalee und Gonvalon.

Nachdem die Zwerge der Tiefen Stadt im ersten Band eine der Himmelschlangen getötet haben, sinnen die Drachen auf Rache. Die Himmelsschlangen sind die Erstgeborenen und Mächtigsten unter den Drachen und wurden von den göttergleichen Alben als Statthalter in der Welt Albenmark eingesetzt, um Gerechtigkeit zu üben. Von Zorn geleitet beschließen sie, die Tiefe Stadt mitsamt all ihrer Bewohner auszulöschen.

Der blutrünstige Vergeltungsangriff auf die Tiefe Stadt erschüttert den Glauben der Drachenelfen an die Rechtmäßigkeit der Drachenherrschaft. Als Diener der Drachen sind sie an den Willen der Himmelschlangen gebunden. Beim Angriff auf die Tiefe Stadt erfährt Nandalee, dass die letzten Überlebenden ihrer Sippe, der Windgänger, von Trollen in einer Troll-Festung, dem Königsstein, gefangen gehalten werden. Gemeinsam mit ihrem Geliebten Gonvalon beschließt sie, ihr Dasein als Drachenelf hinter sich zu lassen und bricht auf, um die Windgänger zu befreien.

Ein zweiter Strang folgt dem Schicksal der Drachentöter Galar, Hornbori und Nyr. Die Zwerge suchen dank Nandalees Hilfe der Tiefen Stadt zu entfliehen, die nach dem Massaker von niederen Drachen kontrolliert wird. Während der Schlacht um die Tiefe Stadt hatte Nandalee es nicht über sich gebracht, ein Zwergenbaby abzuschlachten, weswegen sie das wehrlose Geschöpf den Zwergen übergibt, die sich fortan darum kümmern.

Der letzte Handlungsstrang berichtet über die Begebenheiten auf Daia, einer menschenbevölkerten Welt, die von den Devanthar kontrolliert wird. Die Devanthar sind ebenfalls gottgleiche Wesenheiten, die im Gegensatz zu den nach Perfektion und ästhetischer Vervollkommnung strebenden Alben jedoch nach Abwechslung und Veränderung trachten. Stellvertretend für einen Konflikt zwischen zwei Devanthar versuchen zwei der von den Devanthar eingesetzten Unsterblichen, Aaron und Muwatta, eine große Schlacht auf der Ebene von Kush für sich zu entscheiden. Aaron, der, als ehemals einfacher Bauer Artax, wie alle Unsterblichen darum weiß, dass die Unsterblichkeit nur eine von den Devanthar geschaffene Illusion ist, versucht aus 50 000 einfachen Bauern ein schlagkräftiges Heer zusammenzuschmieden. Währenddessen muss er mit den niederträchtigen Kommentaren aller vorherigen Aarons fertig werden, deren Stimme er in seinem Kopf spazieren trägt. Seine Vorgänger lassen kein gutes Haar an den Veränderungsbestrebungen des Bauernsohnes, der eine gerechtere Welt auf Daia schaffen will. Zugleich ahnt Artax-Aaron nicht, dass sein Rivale Muwatta seine Geliebte, die Kriegerprinzessin Shaya, ihres Zeichens die 37. Tochter eines anderen Unsterblichen, zur Himmlischen Hochzeit auserwählt hat, um Aaron zu demütigen…

Resümee:

Wer noch keines von Bernhard Hennens Werken gelesen hat, dem würde ich davon abraten, gerade mit Die Windgängerin zu beginnen.

Zu zahlreich sind die Rückbezüge zum ersten Teil der Trilogie, zu vielfältig die Anspielungen. Bedauerlicherweise fehlt zu Beginn des Romans eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse– ein Versäumnis, das auch mir, obwohl ich den ersten Teil erst vor einem Jahr gelesen habe, teilweise sauer aufstieß, da ich mich nicht mehr an all die einzelnen Begebenheiten erinnern konnte. Hennen weist zwar auch innerhalb der Windgängerin selbst mitunter darauf hin, was zuvor geschah, allerdings nicht in ausreichendem Maße, um die Geschichten rekapitulieren zu können.

Alles in allem kann ich jedem Fantasy-interessierten Leser die Lektüre von Bernhard Hennens Elfen-Romanen jedoch nur ans Herz legen.

Gerade in Zeiten grauer Wintertage stellen die Romane eine willkommene Fluchtmöglichkeit in ferne Welten dar. Dies schätze ich an Büchern, da das Gefühl dabei mich unversehens in die Nächte meiner Kindheit zurückversetzt, als ich, von der Lektüre eines Buches vollkommen in Bann gezogen, Stund um Stund in meinem Bett lag und die Welt um mich her gleichsam zu vergessen vermochte.

Elyseo da Silva, Köln, 12. Dezember 2012

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