Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit. Ein Nachklang

Welch einen Roman hat Benedict Wells hier geschrieben! Mochte ich bereits die Vorgängerromane (unter anderem „Spinner“ und „Becks letzter Sommer“), hat Wells mit „Vom Ende der Einsamkeit“ sein bisheriges Glanzstück hingelegt: ungleich reifer kommt der Roman daher und zugleich mit einer Melancholie und Tiefe, die den Vorgängern in dieser Form abgingen.

Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag, 2016„Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt die Geschichte der Geschwister Liz, Marty und Jules, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, als der Ich-Erzähler Jules gerade mal zehn Jahre alt ist. Die drei kommen auf ein Internat in der Nähe von München, wo sie höchst unterschiedliche Wege einschlagen. Während die rastlose Liz allerart Exzessen hinterherhechelt, um bloß nicht zur Ruhe zu kommen, wird Marty zum einzelgängerischen Nerd. Jules selbst, einst ein unbeschwerter Junge, verwandelt sich in einen zurückhaltenden und misstrauischen Außenseiter, der sich mehr und mehr in der Welt seiner Träume verliert – einer Welt, in der die Eltern noch leben, in der das Schicksal ihm und seinen Geschwistern nicht die falschen Karten zugespielt hat. Doch eines Tages taucht die undurchsichtige Alva auf und setzt sich auf den freien Platz neben Jules. Ist sie womöglich dieser einzig wahre Freund, von dessen Bedeutung für das Leben Jules‘ Vater seinem Sohn noch kurz vor seinem Tod erzählt hat? Ein Rat, der Jules seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen mag.

Es sei hier vom Inhalt und von der Lebensgeschichte der drei Geschwister nicht viel vorweggenommen.

Meisterhaft spielt Benedict Wells in „Vom Ende der Einsamkeit“ die Mollakkorde der Gefühlsklaviatur, ohne dabei je ins Kitschige oder Pathetische abzugleiten – eine Leistung, zu der man ihm bei der Grundstruktur der Handlung gesondert gratulieren darf.

Das Leitmotiv im Roman ist natürlich die titelgebende Einsamkeit, die alle Charaktere des Romans auf die ein oder andere Art zu durchleiden haben. „Aber das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten“, heißt es einem Gespräch zwischen Alva und Jules. „Das Gegengift zu Einsamkeit ist die Geborgenheit.“ Jeder, der selbst bereits an den Tränken der Einsamkeit genippt hat, dürfte sich hierin wiederfinden.

Doch es gibt noch ein zweites Leitmotiv im Roman: die Frage nach Sinn und Schicksal dieses Lebens. Weshalb werden die Karten so ungerecht gemischt? Weshalb widerfährt manchen Menschen so viel Gutes, anderen so viel Schlechtes? – Solche Fragen drängen sich anhand der skizzierten Ausgangssituation auf.

Die Hoffnung darauf aber, dass sich alles im Rahmen einer höheren Gerechtigkeit ausgleichen müsse, erweist sich im Roman als Chimäre. „Das Leben“, schreibt Benedict Wells, „ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“

Das sind Sätze, die ihren hoffnungsvollen Kern gut zu verbergen wissen. Es mag nicht jedem gelingen, diese nihilistisch anmutende Aussage als einen Akt möglicher Befreiung zu verstehen. Ich persönlich empfinde sie nachgerade als Aufforderung zu einem solchen .

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist meiner Meinung nach ein durchaus optimistisches Buch. Zwar tieftraurig und schwer – ein Buch, das mich mehrfach zum Weinen gebracht hat – aber im Hintergrund stehen eben doch Zuversicht und Lebenswillen.  Mit diesem Roman jedenfalls hat Benedict Wells sein bisheriges Meisterwerk vollbracht. Ich freue mich ungemein darauf, seine schriftstellerische Entwicklung in den kommenden Jahren mitzuverfolgen.

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