Benedict Wells – Becks letzter Sommer. Ein Nachklang

Diogenes-Autor Benedict Wells, 2011

Diogenes-Autor Benedict Wells, 2011.

Zum einen ist da Benedict Wells: ein zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Debüt-romans 23-jähriger Schriftsteller mit hübschem Babyface, John-Irving-Fan und jüngster Autor unter Vertrag beim begehrten Diogenes-Verlag. Zum anderen sind da Beck, die Hauptfigur des Romans, und ich.

Beck und ich Ende 30, er und ich Lehrer, er und ich erfolglose Künstler, die wir uns Tag für Tag fragen, ob wir die richtigen Entscheidungen im Leben getroffen haben.

Vielleicht verstehst Du, weshalb dieses Buch einige Monate in meinem Regal stand, ehe ich mich dazu durchringen konnte, es zu lesen. Dabei hatte ich bereits Ben Wells‘ Zweitveröffentlichung Spinner gelesen (ein Roman, den er bereits als 19-Jähriger abgeschlossen hatte) und mich köstlich amüsiert.

Figuren und Handlung

Siehst Du, dachte ich mit einer gewissen Genugtuung, als ich die ersten Seiten las und der Roman sich eher betulich anließ, überschätzt. Dann aber zog mich Becks Geschichte doch sehr schnell in ihren Bann. Ich hörte auf mich zu wehren. Nicht nur die Gemeinsamkeiten, die mich ganz offensichtlich mit der Hauptfigur verbanden, sorgten dafür. Auch mein Neid auf den erfolgreichen Jungautor Wells spiegelte sich in der Figurenkonstellation: Protagonist Beck blickt voller Sehnsucht auf die Jugend und das Talent des verwahrlosten Litauer Schülers Rauli Kantas, der zweiten Hauptfigur im Buch.

Rauli, notorischer Lügner und in beinahe allen Schulfächern vom Durchfallen bedroht, entpuppt sich im Übungsraum der Schule als musikalisches Wunderkind. Als Beck Raulis Talent erkennt, wittert er die Chance, seinem Leben doch noch die entscheidende Wendung zu geben und sich der Musik zu widmen. Er beschließt Rauli zu fördern, beginnt abermals Lieder zu schreiben und möchte den Schüler unter Vertrag nehmen. Wieder aber kommt es für Beck erstens anders und zweitens als er denkt.

Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen.

Zum einen ist da Charlie, dritte Hauptfigur des Buches: ein schwarzer Zwei-Meter-Mann, chronischer Hypochonder und Becks einziger Freund. Das Philosophie-Studium hat er einst abgebrochen, aus seinen zahllosen Job-Ideen ist nichts geworden, außer dass er sich als Türsteher in Münchner Clubs verdingt hat. Seine Drogensucht bringt Charlie bald in eine Münchner Klinik, doch wie sich herausstellt ist es gar nicht so einfach, einen Zwei-Meter-Mann gegen seinen Willen dort festzuhalten.

Zum anderen gibt es noch Lara, eine junge Kellnerin, der niemand das Attribut sexy zusprechen würde, bis er darüber nachdenkt und feststellt, dass eigentlich nichts dagegen spricht. Sie tritt in Becks Leben und bringt den Bindungsneurotiker gehörig durcheinander.

Und schließlich gibt es noch Holger Gersch, Becks ehemaligen Bandkollegen und heute hohes Tier bei Sony BMG, den Beck zur Release-Party von Raulis Demo-CD einlädt. Zehn Jahre zuvor hatte Holger Beck aus der gemeinsamen Band gemoppt, jetzt aber erhofft sich Beck von seinen Kontakten die Rückkehr ins Musikbusiness.

Die Verwicklungen zwischen den Figuren schaukeln sich im Laufe des ersten Teils immer weiter auf, bis Beck, Charlie und Rauli sich eines Tages in einem alten gelben VW-Bus auf einer Fahrt nach Istanbul wiederfinden – vorgeblich um Charlies Sehnsucht nach seiner schwer kranken Mutter zu stillen. Schon in Budapest allerdings, als die zweite Schießerei des Romans ein blutiges Opfer fordert, dämmert Beck, dass Charlies Reise wohl andere Motive hat.

Fazit

Becks letzter Sommer ist ein tolles Buch. Jede Einzelheit stimmt. Die Figuren überzeugen gerade durch ihre Unvollkommenheit. In jeder einzelnen finden sich Widersprüche, niemand ist komplett liebens- oder verachtenswert. Beck selbst nervt nicht zuletzt durch ständiges Wiederholen der leeren Floskel Jessas (ich fragte mich bisweilen, ob Ben Wells wohl kurz zuvor die deutsche Version des Coen-Brothers-Film Fargo gesehen hatte).

Zudem hat Benedict Wells ein stilsicheres Konzept entworfen, das mich gerade in seinen liebevollen Details begeistert.

Das Leitmotiv Musik taucht in vielfältiger Form immer wieder auf: So werden die beiden Teile des Romans beispielsweise als A-Seite und B-Seite einer LP und die Kapitel als Tracks bezeichnet, die allesamt Dylan-Titel tragen.

Ohnehin spielt Musiker Bob Dylan, von Becks gefühlskaltem Vater vergöttert und von Beck selbst konsequenterweise verabscheut, eine tragende Rolle. Im Laufe der Reise nach Istanbul kommt es sogar zu einem (womöglich halluzinierten) Treffen zwischen Beck und ihm. Einer Legende zufolge, so Charlie, tauche Dylan im Leben eines jeden Menschen immer dann unerkannt auf, wenn dieser es am nötigsten brauche.

Ebenso gelungen sind die zahlreichen Anspielungen auf John Irving und seinen Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag, ein Buch, das ich seinerzeit verschlungen habe. Wenn Benedict Wells in Interviews davon spricht, dass John Irving ihn maßgeblich bei seiner Entscheidung beeinflusst hat, Schriftsteller zu werden, lässt mich dies an mein eigenes Garp-Erlebnis denken. Es mag Zufall sein, dass ich die Entscheidung, mein Leben dem Schreiben zu widmen, mit 17 Jahren traf – kurz nachdem ich Irvings Roman gelesen hatte.

Neben diesen intertextuellen Verweisen jedoch sind es vor allem die zahlreichen Kunstgriffe in der Erzählperspektive, wie beispielsweise den unverhofften Auftritt eines Ich-Erzählers in der Mitte des Romans, die dafür sorgen, dass Wells‘ Roman seinen Platz im literarischen Kosmos des 21. Jahrhunderts zurecht einnimmt. Zu viel sei an dieser Stelle nicht verraten, um Dein Lesevergnügen nicht zu schmälern.

Schon zum zweiten Mal (nach der Lektüre von Spinner, einem Roman der von vielen Kritikern meines Erachtens zu Unrecht verrissen wurde) fand ich Benedict Wells‘ Erzählweise im besten Sinne modern. Sein Buch ist spritzig, dynamisch, zugleich aber von einer Weisheit, die ich einem so jungen Autor schwerlich zugetraut hätte.

Es geht nur um Erinnerungen. (Benedict Wells, Becks letzter Sommer, Zürich, 2008; S.339) – dies mag die Antwort auf die Frage sein, welche Entscheidungen es im Leben zu treffen gilt, um sein Lebensglück zu finden. Unabhängig von Erfolg oder Misserfolg in einer kommerziellen Kunstwelt. Vermutlich ist dieses Gespräch aus der Begegnung mit Bob Dylan für mich die Schlüsselszene des Romans.

Als ich vergangene Nacht Becks letzter Sommer zuschlug, war ich glücklich.

Ja, Benedict Wells mag jung gewesen sein, als er mit 23 Jahren bei Diogenes unter Vertrag genommen wurde. Doch sein Beispiel macht mir Mut. Hin und wieder finden Menschen, die ihrem Traum folgen, die Anerkennung der renommierten Kulturwelt.

Ben Wells‘ Stimme ist eigen. Zurecht fordert sie ihren Platz in der deutschen Literaturlandschaft ein. Ich freue mich darauf, mehr von diesem inspirierenden Autor zu lesen. Auch auf die Verfilmung von Becks letzter Sommer dürfen wir gespannt sein.

Ben Wells‘ Erfolg verdeutlicht mithin jedoch eines: es trifft nicht immer die Falschen!

 

Herzlichen Dank für das Foto von Benedict Wells: 
Benedictwellswiki“ von Martin Brenner – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Zero, Public Domain Dedication über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benedictwellswiki.jpg#mediaviewer/Datei:Benedictwellswiki.jpg
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