Art Spiegelman – CO-MIX. Vancouver Art Gallery; Museum Ludwig, Köln. Ein Nachklang

Comics und Kunst – das waren für mich bislang zwei Begriffe, die ich in meiner Vorstellungswelt schwerlich unter einen Hut bekam. Dann lernte ich das Werk von Art Spiegelman kennen. Die Ausstellung CO-MIX in der Vancouver Art Gallery (zuvor im Museum Ludwig in Köln zu sehen) zeigt einen Querschnitt durch Spiegelmans Schaffen.

Den Anfang machen Spiegelmans frühe Underground Comix. Bereits hier wird deutlich, dass Spiegelman weiter geht als Comiczeichner dies im Regelfall zu tun pflegen. Spätestens der Strip über den Selbstmord der Mutter im Jahre 1968 jagt dem Betrachter eine Gänsehaut über den Leib. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und ihr Sohn illustriert seine Empfindungen eindringlich mit einem abschließenden Bildnis seiner Selbst hinter Gittern, in dem er seine Mutter anklagt, auch sein Leben verdammt zu haben (Prisoner On The Hell Planet, 1972).

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet erwartungsgemäß Spiegelmans Pulitzerpreis gekrönte Graphic Novel MAUS – Die Geschichte eines Überlebenden. Spiegelman ist der erste Comiczeichner, dem die renommierte Auszeichnung verliehen wurde (für MAUS, 1992). In MAUS verarbeitet er das historische Erbe seiner jüdischen Eltern, die beide das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben (in der Graphic Novel Mauschwitz genannt). Die Geschichte folgt dem einfachen Grundprinzip, die Nazis als Katzen, die Juden hingegen als Mäuse darzustellen.

Die autobiographischen Elemente und nicht zuletzt Spiegelmans schonungslose Ehrlichkeit machen es dem Betrachter des Werkes, dem in der Vancouver Art Gallery ein eigener Saal gewidmet ist, schwer, sich zu entziehen. Zugleich sorgen die schwarz-weiß gehaltenen Comic-Zeichnungen für eine eigentümliche Brechung in der Rezeption, das spielerische des Comic-Genres geht nicht gänzlich verloren.

Vom Jahre 1991 an war Spiegelman zehn Jahre lang für die Zeitschrift The New Yorker tätig, für die er 21 Titelbilder entwarf, die seitens der amerikanischen Öffentlichkeit nicht selten kritisch aufgenommen wurden. In der Vancouver Art Gallery sind diese Titelseiten ausgestellt. Am meisten beeindruckte mich hierunter die Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001: schwarz auf schwarz zeigt die Titelseite die beiden Türme des ehemaligen World Trade Centers.

Art Spiegelman wäre nicht Art Spiegelman, hätte er nicht auch dieses (inter)nationale wie persönliche Trauma auf seine ganz eigene Art aufzuarbeiten versucht. Dabei entstand das Buch In The Shadow Of No Towers (dt.: Im Schatten keiner Türme), für mich eines der beklemmendsten Zeitdokumente der ganzen Ausstellung.

Spiegelman zeichnet einen Comic über den Tag der Anschläge selbst – seine Tochter ging zu jener Zeit direkt am Fuße der Türme zur Schule – aber auch über die Auswirkungen auf sein persönliches Empfinden. Zuvor, so heißt es, sei er ein wurzelloser Kosmopolit gewesen, nun sei er ein Kosmopolit mit Wurzeln. Sinnbildlich erscheint mir die Darstellung seiner selbst in der Mitte eines Bettes umgeben von schlafenden Männern. Während sie friedlich schlummern, möchte Art am liebsten schreien und sie fragen, wie sie nach diesen Geschehnissen einfach so weiter leben können, als sei nichts passiert.

Die CO-MIX Ausstellung über den Künstler Art Spiegelman hat mich auf eine Art bereichert, die ich nicht zu erwarten gehofft hatte. Sie hat mich dazu gebracht, mein Verständnis von Kunst in Frage zu stellen und zu überdenken. Das wichtigste Kriterium für Kunst scheint mir seither mehr denn je die Authentizität, mit der ein Künstler versucht, seine Eindrücke der Welt, des Lebens, des subjektiven Daseins in eine Form zu bringen, die andere Menschen zu berühren vermag. Die Form, welche er hierfür letztlich wählen mag, scheint mir von untergeordneter Rolle. Art Spiegelman gelingt es in seinem Schaffen auf beeindruckende Weise, auf seine sehr persönliche Art die großen Geschehnisse unserer Zeit aufzugreifen und ihnen eine Form zu verleihen, die ihresgleichen sucht.

 

 

Foto: katybird (Katy Stoddard) Herzlichen Dank!           Art Spiegelman Co-mix

 
http://www.flickr.com/photos/katy_bird/4663991560/
Dieser Beitrag wurde gepostet in Kunst. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.