Aragón, Pirineos y Camino de Santiago

Ein kleines Zitat aus Robert Menasses „Vertreibung aus der Hölle“ zu Beginn – allein weil es mich sehr amüsiert hat:

>„Und was soll man mit einem toten Tier machen, mit dem man jahrelang
zusammengelebt hat?“ –
„Du hast jahrelang mit einem toten Tier zusammengelebt?“<<

So, es ist schon wieder eine Weile her, dass ich mich gemeldet habe und ich will Euch kurz von unserer letztwöchigen Reise ins Inland erzählen.
Eine kurze Warnung vorweg!!
VORSICHT! DIESE MAIL IST LANG! WENN DU KEINE ZEIT HAST, LIES SIE BESSER SPÄTER!
Zunächst wollten wir ja einfach mal drauf los – Hauptsache runter von unserer Insel hier in Santeugini, die uns beide ein wenig dazu brachte, im Stillstand zu verharren und bezüglich unserer weiteren Pläne etwas passiv zu sein. Nun gut, auch verständlich irgendwie, nachdem wir so eine Art Hafen hier gefunden haben und der erste Schritt, namentlich die Abreise aus Deutschland und die Auflösung unserer Wohnungen dort, ja bereits hinter uns lag.
Schon Sonntag Mittag, als wir es endlich geschafft hatten, unser Domizil hinter uns zu lassen, fühlten wir beide, dass es richtig war uns mal vorwärts zu bewegen und uns auf den Weg zu begeben. Zuvor hatte uns das Nicht-Wissen Wohin beide gelähmt, doch sobald wir auf der Straße waren, war dieses Gefühl wie weggeblasen.
Wir wollten uns einfach auf die Suche nach Dörfern begeben und unser erstes Ziel war die Gegend um Huesca in Aragón, ein Gebiet, das selbst ich auf meinen zahllosen Spanienreisen noch nicht erkundet hatte.
Der Wind weht uns um die Ohren (was nicht zuletzt daran lag, dass wir beide keine Klimaanlagen mögen und dementsprechend mit offenen Fenstern im Auto unterwegs sind) und wir suchten in unserem spanischen Autoatlas nach Dörfern und Straßen, die klein aussahen – und fanden sie auch: binnen weniger Tage entwickelte ich mich zum Experten für Serpentinenstraßen. Denn eins ist klar – ich fahre, sonst mache Manu als Beifahrer wahnsinnig (ein wenig komme ich mir manchmal schon vor wie meine Mutter) und das allgemeine Herzinfarktrisiko steigt in ungeahnte Höhen.
Wir machten uns auf den Weg in einen Nationalpark – die Sierra de Guara – und dort zu einem Dorf, in das laut Atlas nur eine Straße hinein, allerdings keine wieder hinaus führte – Rodellar, so der Name.
Die Sierra de Guara ist einfach traumhaft schön – eine Mittelgebirgslandschaft voll zerklüfteter Täler, bewaldeter Berge, Felsengebieten und türkisfarbenen Gebirgsflüssen. Wir landeten auf einem Campingplatz am Rande eines kleinen Flusses und dort herrschte idyllischste Stimmung: neben dem Camping gab es eine mittelalterliche Brücke über den glasklaren Fluss, der an dieser Stelle ein wenig aufgestaut war, so dass man herrlich darin baden konnte – mit Blick in die Berge der Sierra.
So viel Glück konnte man, planlos wie wir waren, ja nicht ständig haben und deshalb blieben wir gleich zwei Nächte und starteten unsere Dörfertour am nächsten Tag von dort aus.
Die Gegend ist der Hammer und ist auch zu einem unserer potentiellen Ziele aufgestiegen – auch die aus aufgeschichteten Steinen errichteten Häuser der Dörfer haben ein tolles Flair und die Tierwelt ist super: hier kreisen die Geier über deinem Kopf und schließen dich in ihr Morgengebet ein (vermutlich aber nur, weil sie hoffen, dass die nächste Serpentine noch enger ist als dem Fahrer bewusst), leuchtende Bienenfresser tummeln sich auf den Stromleitungen und Bäumen, Schmetterlinge jeder Couleur flattern durchs Bild und uns verstädterten Mitteleuropäern wird ganz beschaulich zumute ob so viel Natur und Leben.
Abends kehrten wir nach Rodellar zurück und grillten erst mal Lamm vom Dorfmetzger in Alquézar – die hiesige Spezialität und dementsprechend schmeckt es auch… Naja, was das Essen beim Campen angeht, lassen wir uns ohnehin nicht lumpen (vielleicht schick ich besser kein aktuelles Foto von mir mit – behaltet mich einfach so in Erinnerung, wie ich vor zwei Jahren mal war!) – Vermutlich ist das eine Reaktion auf die traumatischen Ravioli-und Dosenfraß-Erfahrung beim Campingurlaub in Kindertagen…
Nun, wir wollten dann am nächsten Tag doch weiter, obwohl wir gedanklich schon mit dem Aufbau einer Pension, Yoga- und Massagekursen, Kletterschule (weiß gar nicht, wieso ich in diesen Tagen ständig an Dich denken musste, Mario – aber kündig schon mal Deinen Job!), Vogelpirsch für deutsche Stadtkinder et cetera beschäftigt waren.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Jaca, wo der Camino aragonés des Jakobswegs beginnt und campten am Fuße der Berge dort, erste Ausläufer der Pyrenäen (ich musste tatsächlich Jesus‘ Alter erreichen, um dieses Wort auf Deutsch problemlos schreiben zu können…).
Der Angestellten auf dem Campingplatz wurde unsererseits die Nominierung zur Bissgurke der Woche verliehen, aber unser abendlicher Spaziergang hielt einige Überraschungen bereit: ein Fuchs auf offenem Felde und ein versteckter „Pool“ am Wegesrand – der aus einem winzigen aufgestauten Bächlein entstand – wie üblich: Klamotten runter und rein ins Eiswasser – ein Traum.
Tags drauf dann also auf in die Pyrenäen , wo uns wiederum zauberhafte Landschaften erwarten sollten.
Die Pyrenäen (ich schreib das jetzt einfach öfter) sind noch etwas uriger als die Sierra de Guara – hier ziehen dann auch majestätische Adler am Himmel ihre Kreise und die Täler sind noch enger, eigentlich nur Schluchten durch die sich ein Fluss und eine Straße zwängen. Alles erstrahlt in leuchtendem Grün, unberührter Bergwald und wieder pittoreske Bergdörfer, die mit ihrer Architektur und der Geranien-Deko ein wenig ans Allgäu erinnern. Unser Campingplatz lag einsam im Nirgendwo – nur jede Menge Pfandfinder-Zeltlager fanden wir auf unserer Erkundungstour durch die Umgebung, netter Ort, um seine Kinder im Sommer zu deportieren.
Das Klima war schon Ende Juli eher rau, abends wurde es ungemütlich kalt und deshalb befanden wir es für besser uns dort nicht niederzulassen, wenngleich es so schön ist. Aber hinfahren und wandern auf jeden Fall bei nächstbester Gelegenheit wieder.
Also, wieder Zelt zusammenpacken und Richtung Camino Santiago, allerdings diesmal zur Hauptroute dem Camino francés.
Unterwegs bekamen auch wir eine Auszeichnung verliehen – und zwar dafür, die ersten Deutschen in einer seit vier Tage geöffneten Touristeninfo gewesen zu sein (das war easy) und auch noch die interessanteste Frage gestellt zu haben, die der chico dort bis dato gehört hatte.
Ehre wem Ehre gebührt.
Wir hatten ihn nämlich nach den Herbergen auf dem Jakobsweg gefragt und ob es wohl möglich sei, eine solche eventuell für die Wintermonate zu übernehmen, da das eine der Optionen ist, die uns momentan vorschweben. Tja, wusste er natürlich nichts drüber. Aber seinen Spaß hatte er schon und meinte, da müssten wir wohl in „altas esferas“ (also höhere Sphären) vordringen, so wie etwa zur Regierung von Navarra oder La Rioja.
Wir beschlossen eine Herberge aufzusuchen und zwar die in Larrasoaña, kurz nach Roncesvalles, dem Beginn des Camino in Spanien. Die Gegend machte mich sehnmütig und wehsüchtig – ziemlich auf den Tag genau neun Jahre zuvor war ich dort losgelaufen und ich verspüre den Drang, den Camino bald mal wieder zu wandern.
In der Herberge erhielten wir einen Flyer mit allen Kontaktadressen der Refugios in Navarra und La Rioja und jetzt werde ich dort einfach mal anrufen und nachfragen.
Dann fuhren wir weiter und machten uns auf die Suche nach einem Ökodorf namens Lacabe in der Nähe von Pamplona, das wir letztlich auch fanden.
Wir tauchten dort unangemeldet auf (gewissermaßen wird das in solchen Kreisen als Todsünde angesehen, habe ich manchmal den Eindruck) und unser Autochen schnaufte die rinnenübersäte Schotterstraße hoch bis wir vor diesem Dorf inmitten der Berge standen, das bereits vor 30 Jahren besetzt wurde.
Dummerweise fand dort gerade ein Sommerkurs für Landleben statt, wo die Leute kräftig löhnten, und deshalb hatte keiner wirklich Zeit für uns, außer einer Besucherin namens Maribel, die sich als die Labertasche schlechthin erwies: drei Stunden lang führte sie uns durchs Dorf und versorgte uns mit jedem noch so vernachlässigenswerten Detail, das wir nie wissen wollten. Nun ja, was will man machen, ich kann ja kaum sagen: okay, das ist ja alles sehr interessant, aber jetzt reichts auch mal wieder…
Insgesamt aber war es natürlich dennoch sehens- und hörenswert: es gibt dort wirklich alles, um sich selbst zu versorgen: Windkraft, Solaranlagen auf den Dächern, eine Bäckerei, wo Biobrot gebacken wird (ca. 1000 – 1200 Kilo pro Woche, die dann an Bioläden verkauft werden, was die Haupteinnahmequelle dort darstellt), eine Schreinerei, eine Schmiede und natürlich Gemüsegärten, Obstbäume und Tiere.
Tja, so ein Dorf zu besetzen ist schon auch so eine Idee. Falls jemand Interesse hat, wir suchen noch Mitbesetzer (Mario, wieso nur muss ich schon wieder an Dich denken:-)? – ach und auch an Euch, Nic und Menis und Finn und Anne und Fritjof und die ganze Freundesschar – hoffentlich ist jetzt keiner beleidigt, weil ich ihn nicht namentlich erwähnt habe), wenn wir ein verlassenes Dorf gefunden haben. (Handwerklich begabte Leute, Techniker und Architekten very welcome!) Wir campten dort auf einem Feld neben der verlassenen Kirche und nahmen als Erinnerung circa 1237 Kletten mit, die wir am nächsten Abend meditativ wieder von der Decke zupften.
Morgens lernten wir dann noch ein paar nette Leute aus Valencia kennen, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, Wanderwege zwischen den verschieden Ökodörfern auszuschildern – schön, dass langsam auch erste Kontakte zu Alternativ-Denkern entstehen.
So, ebenso wie Euch das vermutlich gerade wie eine Flut von Informationen vorkommt, ging es uns auch und so fuhren wir noch mal zwei Tage zum Entspannen zurück auf unseren ersten Campingplatz in die Sierra de Guara.
Seit gestern sind wir also back in town und heute hat Manus Spanischkurs begonnen – er schwankt zwischen Panik und Verwirrung, bald aber hoffentlich auch Wissen…

Seid mir gegrüßt aus der Ferne!

Un abrazo a todos,

Elyseo

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