Anthony Burgess – Der Fürst der Phantome. Ein Nachklang.

Am Nachmittag meines einundachtzigsten Geburtstags, als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof sei da und wolle mich sprechen.
Dies ist der furiose Auftakt zu Anthony Burgess‘ Der Fürst der Phantome (Earthly Powers im englischen Original), der-fuerst-der-phantome-081951243das Opus magnum eines Autors, der heutzutage vielen Menschen hauptsächlich noch durch die Kubrick-Verfilmung seines Werkes Clockwork Orange ein Begriff ist.
Mit seinem Einleitungssatz öffnet der 1993 verstorbene Engländer Burgess den Rahmen zu einem Roman, dessen Handlung den Leser dann zunächst zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs und quer durch das 20. Jahrhundert bis in die siebziger Jahre führt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des fiktiven Schriftstellers Ken Toomey, der über all die Jahre hinweg einen inneren Konflikt zwischen seiner katholischen Herkunft und seiner Homosexualität auszufechten hat.
Im Umfeld dieser Pole bewegt sich denn auch die Romanhandlung.

Toomey, der sich selbst als belanglosen Autor wahrnimmt, hat mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen: seine Mutter verstößt ihn, als sie von seiner Homosexualität erfährt und stirbt daraufhin, ohne dass er sich mit ihr hätte aussöhnen können. Seitens der Gesellschaft wird sein Leben mit großem Argwohn beäugt. Doch auch Toomey selbst findet keine Ruhe – sein Lebtag lang plagt ihn die Einsamkeit und er kommt nie über belanglose Liebeleien hinaus.
Die einzig große Liebe seines Lebens, ein Arzt namens Philipp, den Toomey in Malaya kennen lernt, bleibt rein platonisch. Der Mediziner kann den Sohn eines mächtigen Einheimischen nicht retten, woraufhin sich dieser rächt, indem er Philipp mit voodooesk anmutenden Methoden zu einem Siechtum verurteilt, das letztlich in den Tod mündet.
Hierbei gelangen wir ans andere Ende der beiden Pole des Romans: Religionen und die fließenden Grenzbereiche zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem.
Immer wieder taucht in diesem Rahmen die Figur des Carlo Campanati auf, Priester und Freund Ken Toomeys, der in späteren Jahren bis zum Papst aufsteigen soll. Campanatis Geschichte ist der eigentliche Motivator für die Rückschau des Protagonisten.
Besagter Erzbischof aus dem Einleitungssatz nämlich bittet den überzeugten Atheisten Toomey darum, ein Wunder zu bestätigen, das der unterdessen verstorbene Papst vollbracht haben soll und das für seine Kanonisierung von Nöten wäre.
Die Weltsicht dieses Carlo Campanati ist der Ken Toomeys konträr entgegengesetzt: Carlos Ansicht nach sind alle Menschen gut – das Böse entstammt rein dem Einfluss des Teufels. Den gefallenen Engel sucht er mit teils recht unorthodoxen Mitteln zu bekämpfen. Diese reichen vom klassischen Exorzismus bis hin zur Folter eines verirrten Nazi-Schäfchens, damit dieses sich auf das Leid Christi als Vorbild zurückzubesinnen vermöge und in den Schoß der Kirche zurückkehre. Bei all seinen Überzeugung ist Carlo Campanati allerdings zugleich Inbegriff des Lebemanns. Der spätere Pontifex schlemmt und säuft maßlos, zudem ist er dem Glücksspiel nicht abgeneigt.
Die Charaktere im Roman, inklusive dem Protagonisten, zeichnen sich durch ihre Vielschichtigkeit aus. Einfache Gut-Böse-Schemata, wie es Carlo Campanati in seinem Glauben, nicht jedoch in seinem Verhalten verkörpert, existiert nicht.
Viele Dialoge sind regelrecht garstig – allem voran die zwischen Toomey und Val, einem Gespielen aus seiner Jugendzeit, oder zwischen Toomey und seiner Schwester Hortense. Die Hassliebe zwischen den beiden, bei der ein ums andere Mal auch inzestuöse Aspekte aufblitzen, spiegelt abermals den Grundtenor des Buches.
Herzlich zugetan ist sich in diesem Roman kaum jemand. Alle persönlichen Beziehungen sind bestimmt von Verurteilung, Interessen und festgefahrenen Wertvorstellungen, die wichtiger scheinen als alle Zuneigung. Das Leben der Figuren ist in vielerlei Hinsicht ein jahrzehntelanger Kampf mit sich selbst, mit der Gesellschaft und mit deren willkürlichen Tabuisierungen. Besserung nicht in Sicht.
Jedes Tabu, das im Roman thematisiert wird, und derer gibt es viele – da bleibt der Autor der Vorgabe des Anfangssatzes treu – findet zugleich vehemente Gegner wie Fürsprecher.
Wahrheiten sind nicht schwarz-weiß.

Der Fürst der Phantome reflektiert die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre hinein (der Roman erschien im Jahre 1980). Der Protagonist erlebt neben dem 1. Weltkrieg, das Deutschland der Nazis, den 2. Weltkrieg, die Nachkriegsjahre, das 2. Vatikanische Konzil und den Massenselbstmord einer Sekte, der die Züge der Ereignisse in Jonestown 1978 trägt.

Über allem Geschehen jedoch, so tragisch und widersprüchlich es sein mag, ein Beiklang von Ironie. Mitunter brachte der Roman mich dazu, herzlich zu lachen. An anderen Stellen zog ich das Internet zu Rate, um mich über die dargestellten Ereignisse schlau zu machen.
Was mehr als eine solche Mischung könnte man von einem Buch erwarten?

Zu Unrecht erscheint dieses Werk von Anthony Burgess heute weitgehend vergessen.

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