Anoushka Shankar – Philharmonie Köln (24.05.2014). Ein Nachklang

Anoushka Shankars Auftritt bei ihrer Traces-of-You-Tour in der Kölner Philharmonie zählt zu den besten Konzerten, die ich in meinem Leben gesehen habe.
Im Geiste habe ich diesen Abend seither mit den diversen Pop-Konzerten, die ich in den vergangenen Jahren besucht habe, verglichen – allesamt verblassen sie bis zur Unkenntlichkeit.
Dabei hatte Anoushka Shankar bei mir nicht eben ein Heimspiel: ich hatte vor diesem Abend nur ein einziges ihrer Stücke zu hören bekommen. Zu dem Konzert war ich eingeladen worden und harrte also unvoreingenommen der Dinge, die da kommen mochten.

Der Abend beginnt mit zwei beschaulichen Stücken.
Immer wieder schimmert im Verlaufe des Konzerts die Erinnerung an Anoushkas 2012 verstorbenen Vater Ravi Shankar durch, der über Jahrzehnte zu den Größen der indischen Musikszene zählte. Er war ihr nicht nur Vater, sondern zugleich musikalischer Lehrmeister gewesen – eine Aufgabe, die er in den 60-er Jahren bereits für Beatle George Harrison übernommen hatte, als dieser sich für die indische Sitar-Musik zu interessieren begann. Dies schlug sich in den indischen Einflüssen auf den späten Beatles-Alben und George Harrisons späterer Solo-Karriere nieder.
Das Stück The sun won’t set schrieb Anoushka Shankar vor dem Tod ihres Vaters, dessen Herannahen sie kommen sah und zugleich nicht wahrhaben wollte. Ravi ist das Sanskrit-Wort für Sonne und das Lied folglich ein Aufbegehren gegen die unbeugsame Macht des Todes. An jenem Abend wird es von Ayanna Witter-Johnson, einer englischen Folk- und Soulsängerin, gesungen. Deren volle Stimme wirft neben der traurigen Melodie zugleich den Widerhall eines Lächelns in die gut besuchte Philharmonie.
Nach dem ruhigen Auftakt zieht das Tempo der Stücke rasch an.
Anoushka Shankar spielt auf der Sitar, einem Instrument, das vielseitig zu gebrauchen ist. Immer wieder stimmt sie die Sitar in wenigen Minuten auf der Bühne um.
Begleitet wird sie an diesem Abend von fünf Musikern: der bereits erwähnten Ayanna Witter-Johnson, die neben den Gesangeinlagen Cello und Piano spielt, Sanjeev Shankar, der mit der Shehnai, einer indischen Flötenart, exotische Klänge ins Boot holt, Danny Keane, einem englischen Cellisten, der ebenfalls einen Part am Klavier übernimmt, Pirashanna Thevarajah, einem indischen Percussionisten, und zu guter Letzt Manu Delago, einem gebürtigen Innsbrucker, der Schlagzeug und Hang spielt.
Schon nach wenigen Minuten hat die Mischung aus fremdartigen und vertrauten Instrumenten das Publikum völlig in seinen Bann gezogen. Die sich rasch steigernden Rhythmen und die exotischen Klänge verwandeln das Auditorium in eine Welt voll ungestümer Energie. Die Zuhörer, das spüre ich, sind hin- und mitgerissen.
Es ist aber auch eine Gruppe von exzellenten Musikern, die sich da an diesem Abend zusammengefunden hat, das verstehe selbst ich als Laie.
Von Stück zu Stück steigern sich bis zur Pause Tempo und Intensität. Neben Anoushkas großartigem Gitarrenspiel ist es für mich allem voran Manu Delagos Schlagzeugspiel, das mich schier umhaut. Eine solche Virtuosität habe ich an diesem Instrument noch nicht erlebt.
Auf einer Welle von Glück werde ich in die Pause getragen. Als ich den Saal verlasse, habe ich erstmals das Gefühl den griechischen Begriff Katharsis tatsächlich zu verstehen, ja, ihn zu fühlen. Meinen beiden Begleitern geht es nicht anders. Ich fühle mich völlig durchspült und gereinigt von der musikalischen Darbietung, an der ich teilhaben durfte. Alles wirkt weich und glänzend.

Nach der Pause dann geht es mit zwei Stücken weiter, die Manu Delago auf dem Hang begleitet. Dieses Instrument übt seit jeher eine besondere Faszination auf mich aus. Seine Klänge scheinen einer anderen Welt zu entstammen. Anoushka greift die Melodien auf der Sitar auf, die Celli gesellen sich hinzu und daraus entsteht das wunderbare Stück Flight, der zweite Titel des Albums Traces of You, das der Tour ihren Namen gibt.
Lasya, Titel des nächsten Stücks und zugleich Name eines kosmischen Tanzes der Hindugöttin Parvati, ist als Gegenstück zum zerstörerischen Tanz des Gottes Shiva, des Weltzerstörers, konzipiert. Parvatis Tanz ist sanfter und birgt die weibliche Energie der Schöpfung. Noch einmal kommen hier die drei Hangs zum Einsatz. Zugleich demonstrieren Sanjeev Shankar und Pirashanna Thevarajah eine indische Beat-Box-Rap-Variante (Vocal percussions), die das Publikum vollkommen gefangen nimmt – nicht zuletzt dank der unglaublichen Geschwindigkeit.
Die Zuhörer im Saal vermögen kaum noch still zu sitzen. Anoushka Shankar schickt sie durch ein Wechselbad der Gefühle, von melodisch-besänftigenden Klängen bis hin zu explosiver Wucht und Ekstase.
Bevor die Musiker uns letztlich in den Samstagabend entlassen, stellen Manu Delago, Sanjeev Shankar, Pirashanna Thevarajah und nicht zuletzt Anoushka Shankar selbst im letzten Stück vor der Zugabe noch einmal ihre Solo-Fähigkeiten unter Beweis.
Wer es bis dahin noch nicht begriffen hat, bekommt erneut die Gelegenheit zu bewundern, mit welcher Art von Ausnahmemusikern wir es zu tun haben.
Beim Applaus hält es schließlich niemand mehr auf seinem Sitz. Die Musiker sind von den stehenden Ovationen, die ihnen dargebracht werden, sichtlich gerührt.
Mit Monsoon, einem Stück, das nur Sanjeev Shankar auf einer Tanpura und Anoushka Shankar auf der Sitar bestreiten, findet der Auftritt einen runden Ausklang.
Ein großer Abend, so viel steht außer Frage.
Die gelungene Mischung aus traditionellen indischen Klängen und dem westlichen Ohr vertrauten Instrumenten wie Cello oder Piano macht Anoushkas Musik für jedermann zugänglich, ohne dass dies in irgendeiner Form abwertend gemeint sein solle.
Vielmehr reißt sie kulturelle Grenzen nieder und verbindet – genau das also, was Musik im bestmöglichen Falle leisten können sollte.

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