Amritsar – Heilige Stadt der Sikhs

Aus den Lautsprechern ertönt ein Singsang, den ich nicht verstehe. Aberhunderte Pilger strömen an mir vorbei. Die Männer tragen Turban und Bart. Viele setzen sich auf den Boden. Ich sitze zwischen ihnen. Mein Rücken schmerzt, weil ich mich nirgends anlehnen kann. Ringsumher erstrahlt das Gold des Tempels im vergehenden Abendlicht. Abermals schließe ich meine Augen und leere meinen Geist. Draußen versinkt die Sonne.

Goldener Tempel

Goldener Tempel

Nach zwei Stunden verlasse ich den Goldenen Tempel, die Heilige Stätte der Sikhs. Es war das zweite Mal, dass es mich an diesem Tag dorthin zog. Der Ort vibriert vor Frömmigkeit.

Auf dem nächtlichen Dach des Goldenen Tempels

Auf dem nächtlichen Dach des Goldenen Tempels

Ich versuche mir vorzustellen, wie Indira Gandhi ihn vom indischen Militär stürmen ließ. Was der Grund dafür gewesen sein mag?

Diese sogenannte  Operation Blue Star war ihr größter Fehler. Letztlich kostete er sie das Leben. Wenige Monate danach wurde sie von ihren Sikh-Leibwächtern ermordet, auf deren Fortbeschäftigung sie in einem Anfall von Selbstüberschätzung bestanden hatte.

Im ersten Moment spiegeln die Sikhs die klassische Forstellung von Fundamentalisten. Schuld daran sind vermutlich ihre Turbane. Und die finsteren Bärte. Schnell aber fand ich heraus, dass die Sikhs ein unglaublich liebenswertes und offenes Volk sind.

Sikh-Wächter auf dem Gelände des Goldenen Tempels

Sikh-Wächter auf dem Gelände des Goldenen Tempels

Junger Sikh am Rande der Bahngleise

Junger Sikh am Rande der Bahngleise

Bereits im Zug von Agra nach Amritsar lernte ich mehrere ältere Sikh-Männer kennen. Zwar lebten sie in den Vereinigten Staaten, dennoch besuchten sie die Stadt des Goldenen Tempels nicht zum ersten Mal. Wir hatten uns nur wenige Minuten unterhalten, da boten sie mir schon ihre Hilfe an. Wann auch immer ich etwas benötigte, könne ich mich getrost an sie wenden. Einer der Männer, er war um die 60 und hieß Rasin, schrieb mir seine Telefonnummer auf. Ich dankte und steckte sie ein. Als wir den Zug verließen, besorgte er mir noch eine Fahrrad-Riksha und handelte einen angemessenen Preis aus, ehe er und seine Begleiter sich verabschiedeten.

Rasin hatte mir empfohlen, in den Gästequartieren des Goldenen Tempels abzusteigen. Diese kosten nichts, sondern finanzieren sich über Spenden. Als ich allerdings total erkältet dort ankam – nach der zweiten Frostnacht in Folge, diesmal war der Wind das Problem, da ein Fenster sich bedauerlicherweise nicht schließen ließ – merkte ich, dass die unzähligen Pilger wohl zu viel für mich wären und ich mich eher nach Ruhe sehnte.

Im Gegensatz zur Hitze Agra und Varanasi war es in Amritsar kühl und bewölkt, sodass ich beschloss, zu Fuß auf die Suche nach einem Guest House zu gehen.

Schnell fand ich heraus, dass Amritsar teurer war als all die Orte, an denen ich zuvor abgestiegen war, von Mumbai mal abgesehen.

Da ich ohnehin knapp bei Kasse bin, ließ ich mich nicht darauf ein, für 1000 oder 800 Rupees ein ranziges Hotelzimmer ohne Fenster zu beziehen und suchte weiter. Nach mehreren vergeblichen Versuchen war ich kurz davor aufzugeben und in eine etwas abgelegene Herberge zu fahren, die im Rough Guide als billig angepriesen war. Dann aber stieß ich an einer stadtauswärts gelegenen Straße auf ein Schild, das Zimmer mit oder ohne A/C anpries. Ich trat in den Hof des Hotels. An der Rezeption saß ein steinalter, bärtiger Mann, der mich freundlich anlächelte, aber kein Wort Englisch sprach. Neben ihm stand ein Junge von vielleicht 15 Jahren. Auch er sprach kein Englisch. Auch er lächelte liebenswert.

Wie viel ein Zimmer koste, fragte ich auf Hindi.

500 Rupees.

Ich ließ mir das Zimmer zeigen.

Es hatte ein eigenes Bad und lag am Rande eines bepflanzten Hofs.

300, sagte ich auf Hindi.

This is my budget. Soweit reichten meine Sprachkenntnisse dann doch nicht.

Letztlich überließen sie mir das Zimmer für 350 Rupees pro Nacht. Ich war stolz auf mich, weil ich meine Verhandlungen geführt hatte, ohne auf Englisch zurückgreifen zu können und trotzdem so ein gutes Ergebnis erzielt hatte.

Straßenleben in Amritsar

Straßenleben in Amritsar

Obwohl der Rough Guide gelinde gesagt vom Besuch Amritsars abriet, liebte ich die Atmosphäre der Stadt von Anfang an. Kaum westliche Touristen. Superfreundliche Menschen und angenehme 30 Grad.

Am Nachmittag fuhr ich zur Boarder Ceremony an die indisch-pakistanische Grenze.

In Wagah, circa 30 Kilometer von Amritsar entfernt, befindet sich der einzige Straßenübergang zwischen Punjab und Pakistan. Jeden Abend finden sich dort tausende Schaulustige ein, um der Einholung der National-Flaggen beizuwohnen.

Indischer Grenzsoldat an der pakistanischen Grenze

Indischer Grenzsoldat an der pakistanischen Grenze

Es ist ein unglaubliches Spektakel.

Überfüllte Zuschauertribünen, zu laute Musik und überall indische Soldaten mit Hahnenkamm auf dem Kopf, die die Zuschauer in militärischer Manier auf ihre Plätze weisen. Das Spektakel zog sich über Stunden. Zunächst passierte ewig lang nichts. Dann rannten mehrere indische Frauen und kleine Kinder mit wehender Flagge die Straße zum Grenztor hinab und wieder zurück. Begleitet wurde dies durch trommelfellgefährdende Hindustan-Rufe eines Soldaten am Megaphon.

Als der Kommandeur beschloss, es sei nun genug, versammelten sich plötzlich die indischen Frauen auf der Straße und begannen zu tanzen. Das Tanzen liegt den Indern im Blut. Schon kleine Kinder sehen aus wie Profi-Tänzer.

Das westliche Publikum, das gesondert auf einer Tribüne sitzt, fragte sich nach zwanzig Minuten allerdings, was das Ganze eigentlich sollte. Die ersten Münder wurden zu herzhaften Gähnern aufgerissen.

Dann endlich, nach vielleicht zwei Stunden, begann die Parade der Militärs. Allerdings waru auch die eher zum Lachen. Man stelle sich vor, dass hier zwei Atom-Mächte einander gegenüberstehen. Das Zeremoniell wirkte wie eine Parodie seiner selbst. Soldaten, die ihre Beine auf Stirnhöhe schleudern, groteske Uniformen, Gorilla-Pose mit Gorilla-Schrei vor dem Tor zum Nachbarstaat, all das wirkte auf mich allenfalls amüsant.

Dennoch alles in allem ein gelungener Nachmittag, da die hiesige Kultur der unseren wieder einmal so unbegreiflich fremd blieb.

Als ich mich am nächsten Morgen schon früh auf den Weg zum Goldenen Tempel machte, wirkte Amritsar noch verschlafen. Die Gassen waren leer. Nur ein paar Chai-Stände hatten geöffnet. Ich verzichtete also auf eine Frühstück und trank nur schnell einen Chai, um das Morgenlicht nicht zu verpassen.

Goldener Tempel im Morgenlicht

Goldener Tempel im Morgenlicht

Vor dem Tempel hieß es: Schuhe ausziehen, Rucksack abgeben, den Kopf mit einem orangen Stofftuch bedecken, Füße in einem Wassergraben waschen. Dann erst war mir erlaubt, das Tor zum Bezirk des Goldenen Tempels zu betreten.

Goldener Tempel im Morgenlicht

Goldener Tempel im Morgenlicht

Vor mir lag der Tempel inmitten eines künstlich angelegten Sees. Viele Menschen hatten ebenfalls den Weg aus den Betten gefunden, um den morgendlichen Sonnenkuss mitzuerleben. Die Frische des anbrechenden Tages benetzte meine Haut. Begierig saugte ich die Schönheit dieses Ortes in mich auf.

Elyseo vor dem Goldenen Tempel

Elyseo vor dem Goldenen Tempel

Nach einer Weile umrundete den See. Langsam, ganz langsam. Ich beobachtete die Menschen, die sich zum Bad im Heiligen Wasser entkleideten und ließ die Stimmung auf mich wirken.

Die Atmosphäre war besonders an diesem Ort. Schwer zu beschreiben. Von einer tiefen Heiligkeit und Andacht.

Auf dem Areal des Goldenen Tempels

Auf dem Areal des Goldenen Tempels

Im Leben der Sikhs gibt es fünf Regeln, wie mir ein junger Mann später erklärt:

Ein Sikh darf sich nie auch nur ein Körperhaar rasieren.

Die Männer tragen Turbane.

Sikhs trinken keinen Alkohol, rauchen keinen Tabak und nehmen keine Drogen.

Sie tragen einen eisernen Armreif, der sie ursprünglich vor Schwerthieben schützen sollte.

Zu guter Letzt tragen sie noch einen Gürtel mit einem Messer daran. Dieses soll dazu dienen, in Not Geratene zu beschützen.

Das Augenfälligste an der Sikh-Kultur ist die Gastfreundschaft. Jeder Reisende oder Pilger, der den Goldenen Tempel besucht, ist eingeladen, in der Gemeinschaftsküche zu essen oder in den angrenzenden Herbergen zu schlafen. Der organisatorische Aufwand für die Speisung von Abertausenden ist riesig.

Pilger-Küche im Goldenen Tempel

Pilger-Küche im Goldenen Tempel

Die Sikhs sind jeglicher Konfession gegenüber offen. Jeder, ob Christ, Muslim, Hindu, Buddhist, Mann oder Frau, darf ihre Gurdwaras, so der Name der Tempel, besuchen, dort sitzen und meditieren. Der Sikhismus versucht die sozialen Hierarchien zu überwinden. Gleichheit ist das Grundprinzip dieses Glaubens.

In der Tat hatten die Sikhs, die ich kennen lernte alle ein besondere Ausstrahlung. Sie vermittelten mir Ruhe, Güte und Herzenswärme.

Nach meinem morgendlichen Besuch im Goldenen Tempel traf ich beim Frühstück zwei Deutsche, die mir einen weiteren Tempel empfohlen, den Mata-Tempel.

Am frühen Nachmittag machte ich mich auf den Weg.

Zunächst fragte ich einen alten Mann auf einer Fahrradrikscha, ob er mich zum Mata-Tempel bringen könnte und was er dafür wolle.

100 Rupees, sagte er auf Hindi. Er verstand kein Wort Englisch.

Mata-Tempel, wiederholte ich.

Er bleckte mir ein zahnloses Lächeln entgegen.

30 Rupees, bot ich. Er wiegte den Kopf.

Mata-Tempel? fragte ich noch einmal, weil ich mir nicht sicher war, ob er mich verstanden hatte.

Er wiegte den Kopf und wir fuhren los.

Nach zwei Minuten hielt er vor dem Eingang zum Goldenen Tempel.

Nahin, nahin, nahin, sagte ich. MATA-TEMPEL.

Temple, sagte er und zeigte auf den Goldenen Tempel.

Mata-Tempel, wiederholte ich frustriet und stieg ab.

Verständnislos sah er mich an. Dann bedeutete er mir, ihn zu bezahlen.

Ich weigerte mich. Weder hatte ich zum Goldenen Tempel gebracht werden wollen, noch wäre ich auf die absurde Idee gekommen, für einen zweiminütigen Fußmarsch eine Rikscha zu nehmen, geschweigen denn ihm dafür, wie er ursprünglich verlangt hatte, 100 Rupees zu bezahlen.

Mir nichts, dir nichts waren wir von weiteren Riksha-Fahrern umringt. Ihnen erklärte ich die Situation und sagte, dass ich nicht vorhatte etwas dafür zu bezahlen, dass er mich an einen Ort gebracht hatte, an den ich nicht wollte.

Letztlich fand der Alte sich damit ab. Widerwillig zwar, aber immerhin.

Ein anderer Fahrer kutschierte mich zum Mata-Tempel, ein wenig nördlich des Bahnhofs.

Der Mata-Tempel ist ein Erlebnis. Das Ganze erinnert mehr an einen europäischen Vergnügungspark als an einen Tempel. Ich krabbelte durch Tunnels, betrat Dutzende verschiedener Räume, watete durch Wassergräben, sah mich skurrilen Figuren gegenüber und war immer wieder überwältigt von der Farbenpracht.

Mata-Tempel

Mata-Tempel

Mata-Tempel

Mata-Tempel

Tunnel im Mata-Tempel

Tunnel im Mata-Tempel

Der Tempel ist einer Frau zugedacht, die im Jahre 1923 geboren worden war.

Heilige des Mata-Tempels

Heilige des Mata-Tempels

Heilige des Mata-Tempels

Heilige des Mata-Tempels

Ein Jahr vor der Geburt meiner Großmutter. Das faszinierte mich. In Indien ist es heutzutage noch immer möglich, aufgrund eines herausragenden, besonders liebevollen Leben Verehrung zu finden. Allenthalben fanden sich Fotos oder Statuen der Dame wieder, teils wurde ihr Foto schlicht auf Wandgemälde aufgepfropft.

Figur im Mata-Tempel

Figur im Mata-Tempel

Figuren im Mata-Tempel

Figuren im Mata-Tempel

Figuren im Mata-Tempel

Figuren im Mata-Tempel

Obwohl der Tempel so sehr einem Abenteuerspielplatz glich, brachte er etwas in mir zum Klingen.

Tunneleingang im Mata-Tempel

Tunneleingang im Mata-Tempel

Figur im Mata-Tempel

Figur im Mata-Tempel

Ich war in Hochstimmung, als ich draußen auf meinen Riksha-Fahrer traf, der mich in die Stadt zurückbrachte.

Später besuchte ich einen Park, der zum Gedenken an die Opfer eines britischen Massakers im Jahre 1919 errichtet worden war.

Heute ist der Park ein angenehmer Ort, um sich ein wenig zu erholen und dem Lärm der Stadt zu entfliehen. Bäume umstehen gepflegten Rasen und spenden Schatten. Ein Monolith erhebt sich in der Mitte. Dennoch spürte ich die historische Schwere beinahe körperlich. Noch immer waren Kugel-Einschläge in den Mauern zu sehen. Ein Märtyrer-Brunnen erinnerte an die mehreren Hundert Unabhängigkeitskämpfer, die innerhalb seines Schachtes Zuflucht gesucht und statt dessen den Tod gefunden hatten. Ein tragischer Ort.

Gedenkfeuer im Park

Gedenkfeuer im Park

Märtyrer-Brunnen

Märtyrer-Brunnen

Junger Sikh im Park

Junger Sikh im Park

Obschon der Reiseführer vom Besuch der Stadt abriet, genoss ich meine Tage in Amritsar sehr. Oftmals gefallen einem Städte ja eher gefühlsmäßig, als dass man an äußeren Fakten festmachen könnte, was eine Stadt zu einer schönen Stadt macht. Mir jedenfalls lag Amritsar, ich hätte problemlos länger bleiben können.

Nichtsdestotrotz verließ ich die Heilige Stadt der Sikhs nach zwei Tagen, um weiter Richtung Himalaya zu reisen: nach Dharamshala, der Exilheimat des Dalai Lama.

4 Gedanken.

  1. Du wirst wirklich verändert zurückkommen, mein guter, lieber Freund. In Gedanken und im Herzen mit dir verbunden – deine Bixen!

  2. Was für ein toller, interessanter Bericht wieder einmal!!! Und die wunderbaren Fotos. Bei jedem Deiner Berichte wünscht man sich, dabei zu sein.
    Aber ich freue mich, wenn Du wieder daheim bist!!!
    Deine Mum

    • Danke, lieber Wolfgang! Schön, dass dieser Bericht auch nach ein paar Jahren noch gern gelesen wird. Herzliche Grüße an Dich, Indienfreund!

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