Amerika…Der Verschollene – Theater der Keller. Ein Nachklang

Vor rund hundert Jahren schrieb Franz Kafka sein Romanfragment

Der Verschollene, das nach seinem Tode im Jahre 1924 zunächst unter dem Titel Amerika veröffentlicht wurde.

Das Theater der Keller in Köln wagt sich derzeit an eine Theateradaptation des Kafka-Stücks. Das wäre bei jedem Roman eine Herausforderung, beim mannigfach rezipierten Kafka ist es dies jedoch in ungleich größerem Maße.

Entsprechend gespannt war ich, wie Dramaturgin Felizitas Kleine und Regisseurin Pia Maria Gehle das Werk umsetzen und auf die Bühne bringen würden.

 

Zunächst jedoch ein Einblick in die Handlung:

Der 16-jährige Karl Roßmann erreicht auf einem Schiff den Hafen von New York. Seine Eltern haben ihn in die Neue Welt verbannt, weil ein Dienstmädchen, das ihn verführt hatte, ein Kind von ihm bekam. Noch auf dem Schiff lernt Karl unverhofft seinen Onkel Jakob kennen, der mit der Familie in Europa gebrochen hat. Jakob nimmt Karl zunächst bei sich auf und unterrichtet ihn im Englischen. Schnell jedoch muss Karl feststellen, dass es um die Solidarität des Onkels nur so lange gut bestellt ist, wie er sich bedingungslos dessen Willen unterordnet. Als Karl gegen das Geheiß des Onkels einen von dessen Freunden besucht, bricht der Onkel unversehens auch mit ihm und Karls Odyssee geht weiter.

In einem Gasthaus lernt Karl die dubiosen Gaukler Delamarche und Robinson kennen. Die beiden drängen ihn, sie zu begleiten, erweisen sich jedoch schnell als eigensüchtige Zeitgenossen. Karl, dem eine Landsmännin einen Job als Liftboy in einem Hotel anbietet, trennt sich von den beiden, als er bemerkt, dass sie seinen Koffer aufgebrochen haben – dies ist ein wiederkehrendes Motiv im Stück: Karl, der Gutgläubige, überlässt wechselnden Personen den Koffer mit seiner ganzen Habe darin, um darauf Acht zu geben.

Im Hotel wird Karl ausgebeutet und letztlich trotz seiner guten Beziehungen zur österreichischen Oberköchin und dem Dienstmädchen Terese sang und klanglos entlassen, als der volltrunkene Robinson auftaucht, um ihn um Geld anzugehen. Karl sieht sich also gezwungen, sich neuerlich Robinson und Delamarche anzuschließen, was er alsbald bereuen wird, spätestens in dem Moment, indem Delamarche ihm eine Abreibung verpasst, weil Karl nicht gewillt ist, nicht seiner Pfeife zu tanzen.

Das Stück endet ebenso offen wie der unvollendete Roman Kafkas: mit Karls Blick auf ein Plakat des Theaters Oklahoma, das jedermann einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz verspricht.

 

Wie also sieht die Inszenierung im Theater der Keller aus?

 

Amerika 4

 

Nur vier Schauspieler agieren auf der Bühne.

Binnen weniger Minuten gewöhnt sich der Zuschauer daran, dass das Stück im Stile einer wechsel- oder mehrstimmigen Rezitation angelegt ist. Die Schauspieler schlüpfen in verschiedene Rollen, sind aber immer wieder auch alle gemeinsam Karl Roßmann.

Das klingt zunächst verwirrend, das Konzept geht indes auf.

Die Kostüme wirken aus der Luft gegriffen – es gibt eine Meerjungfrau (Julia Klomfaß), eine Striptänzerin in zerrissenen Netzstrumpfhosen (Alena Kolbach), einen Cowboy (Tim Stegemann) und einen Clown (Philipp Sebastian). Eben durch diese Ferne zu den tatsächlich handelnden Figuren des Stücks ermöglichen sie jedoch das nahtlose Hin- und Hergleiten der Schauspieler in ihre verschiedenen Rollen.

Letztlich mag der Zuschauer sie zugleich als Sinnbilder für die Vielfalt des Bildes Amerika begreifen – die Seejungfrau als Repräsentantin des Mystischen, die Tänzerin als verruchten Libertin, den Cowboy als Draufgänger – wenn nicht gar als immanente Facetten der Hauptfigur.

 

Amerika 3

 

Nie bleibt, trotz des mutigen Konzepts, ein Zweifel daran offen, welche Rolle ein Schauspieler gerade verkörpert. Dies gelingt mitunter durch die Imitation fremdländischer Akzente (ausgesprochen amüsant beispielsweise die französische Aussprache: schnick, schnack, schnück) oder durch schiere Ausdruckskraft.

Nicht minder wichtig für das Gesamtkonzept ist die Musik. Vertraute Motive, wie beispielsweise Sinatras New York, New York, werden ebenso aufgenommen wie verschiedene Instrumente oder Rhythmen, bis hin zum Beatboxen. Von beschwingten bis zu melancholischen Klängen ist alles vertreten.

 

Amerika 1

 

Einen Großteil seiner Lebendigkeit bezieht das Stück aus der Interaktion mit dem Publikum. Sei es, dass ein Zuschauer, ebenso wie Karl, einen englischen Zungenbrecher erlernen muss, sei es, dass die Gaukler Geldscheine des Publikums verschwinden lassen, in der Pause um Bierkästen zocken oder dass Philipp Sebastian über die Stuhlreihen der Zuschauer wandelt und seine Jonglage-Künste vorführt.

Ohnehin wird das ganze Haus bespielt: vom Zuschauerraum, der immer wieder zum Handlungsort wird, über das Foyer, den Außenbereich bis hin zum Treppenhaus, das als Schauplatz für die Eröffnungsszene nach der Pause herhalten darf.

Gerade die Fortsetzung des Spiels in der eigentlich angekündigten Pause bewirkt eine gelungene Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Theater, Akteuren und Zuschauern.

Alles in allem ist Pia Maria Gehle und Felizitas Kleine, nicht zuletzt dank großartiger Schauspieler, eine lebenssprühende und unterhaltsame Umsetzung von Kafkas Amerika…Der Verschollene gelungen. Die Mischung aus Elementen der Burleske, des Jahrmarktes und der Tragödie vermag auch das veränderte Unterhaltungsbedürfnis der Zuschauer des 21. Jahrhunderts zu befriedigen, wenngleich die kafkaeske Schwere mitunter auf der Strecke bleibt.

Stellt sich mithin die Frage, weshalb das Theater der Keller stets aufs Neue wieder, von Schließung bedroht, um sein finanzielles Überleben zu kämpfen hat. Verdient hat es dies gewiss nicht.

 

Elyseo da Silva,

Köln, 25. Februar 2013

 

Fotos: www.meyeroriginals.com
Herzlichen Dank!

 

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