Akkordeonale in Kerpen (16.05.2014) – Ein Nachklang

Beim Wort Akkordeon musste ich bislang an die fränkische Variante dieses Instruments denken, die sogenannte Quetsche. Meine Erinnerungen an dieses Instrument sind durchaus gespalten, verbinde ich die Quetsche doch bis heute hauptsächlich mit Wochenenden im Hause meines Vaters, an denen mich Quetschen-Klänge viel zu früh aus dem Schlaf rissen. Der Nachbar in der Wohnung über der unsrigen übte eifrig auf seinem Instrument – und mit Vorliebe am frühen Samstag Morgen.

Dementsprechend waren meine Erwartungen an die Akkordeonale nicht übermäßig hoch, als ich mich am Samstag in der Erfthalle in Türnich einfand.
Fünf AkkordeonistInnen aus Serbien (Jordan Djevic), Brasilien (Adriana de Los Santos), dem Iran (Gulam Kerimzade), Belgien (Raquel Gigot) und Holland (Servais Haanen, zugleich Veranstalter der Akkordeonale) boten dort ihre Künste dar. Begleitet wurden sie von dem portugiesischen Fado-Gitarristen Rafael Fraga und der Kölner Cellistin Johanna Stein.

Jordan Djevic, Adriana de Los Santos, Rafael Fraga, Gulam Kerimzade, Johanna Stein, Raquel Gigot, Servais Haanen (v.l.)

Jordan Djevic, Adriana de Los Santos, Rafael Fraga, Gulam Kerimzade, Johanna Stein, Raquel Gigot, Servais Haanen (v.l.)

Bereits zum sechsten Mal organisiert Servais Haanen das Akkordeon-Festival in diesem Jahr. Entsprechend routiniert tritt er als Moderator auf und führt das Publikum mit kurzweiligen und bisweilen humoristischen Anekdoten durch den Abend.

Nach einem Intro des gesamten Ensembles treten in der ersten Hälfte die Musiker mal allein, mal in Gruppen unterschiedlicher Zusammensetzung auf.
Den Anfang macht Adriana de Los Santos aus Brasilien, deren musikalische Ursprünge der Zuschauer ihr schnell anmerkt: in Cowboystiefeln, weißem Hemd und Halstuch steht sie auf der Bühne. Auch ihr Spiel evoziert das Bild von Gauchos und Pferden, die durch nicht enden wollende Weiten galoppieren. Bislang, so verrät Servais uns später, ist Adriana hauptsächlich auf Rodeos aufgetreten – allerdings nur dann, wenn sie nicht gerade ihrem Hobby, der Wildschweinjagd nachgeht. Es ist ein musikalisch ruhiger Auftakt.
Den nächsten Beitrag liefert Gulam Kerimzade aus dem Iran. Er geht in eine vollkommen andere Richtung. Gulam spielt auf einem Garmon, der Kaukasus-Variante des Akkordeon.

Gulam Kerimzade mit seinem Garmon

Gulam Kerimzade mit seinem Garmon

Sein Spiel lässt völlig andere Eindrücke entstehen als das seiner Vorgängerin. Schnell umfängt mich die Schwüle einer orientalischen Nacht. Eine greifbare Schwermut schwappt durch den Saal, als die tirilierend-melancholischen Klänge des Garmons von beinahe sakral anmutenden Elementen durchbrochen werden. Gulam ist ein Meister auf seinem Instrument, so viel ist schnell klar, dennoch ist die Musik dem westlichen Publikum unvertraut und zunächst ein wenig schwer verdaulich.
Da kommt der anschließende Auftritt der Belgierin Raquel Gigot gerade recht. Sie führt die Zuhörer mit französischer Musik zurück in die Komfortzone. Das Stück erinnert in seiner verspielten Melancholie an den Soundtrack zu Die fabelhafte Welt der Amelie. Bald umspielt ein Lächeln die Mundwinkel der Zuschauer, als die Klänge mehr und mehr die Bilder eines Frühlingstages heraufbeschwören, ohne, in typisch französischer Manier, je gänzlich ihre Schwermut einzubüßen.

Raquel Gigot

Raquel Gigot

Im Anschluss finden sich die beiden Begleitmusiker Rafael Fraga und Johanna Stein zusammen mit Servais Haanen auf der Bühne ein. Sie tragen einen portugiesischen Fado vor. Das Wort Fado bedeutet Schicksal und ist zugleich der Name der traditionellen Musik Portugals. Im Fado zelebrieren die Musiker das portugiesische Lebensgefühl, das von dem Begriff Saudade bestimmt ist, einer Art melancholischem Weltschmerz – oder, wie Servais es ausdrückt, leidvollem Glück und dem Genießen des Schmerzes.
Die Kombination aus Guitarra portuguesa, Akkordeon und Cello erweist sich als betörend. Die Schwermut der Gitarrenklänge ergänzt sich mit der leichten Melancholie des Akkordeons. Das Cello verleiht dem Ganzen die nötige Erdung.
Ebenso sehr lässt sich das Publikum direkt danach von Jordan Djevics elektrischem Akkordeon begeistern. Die modernen Klänge seines Balkan-Medleys erinnern an die Werke Emir Kusturicas oder Goran Bregovics. Vermutlich ist es die Balkan-Welle vor einigen Jahren, die dafür sorgt, dass mein Nachbar bei diesen Klängen einen wohligen Seufzer ausstößt. Die Zuhörer scheinen sich also abermals in ihrem musikalischen Komfortbereich zu befinden, den sie vor der Pause auch nicht mehr verlassen werden.

Nicht zuletzt liegt das daran, dass eine Fünfer-Kombo (inklusive der beiden Begleitmusiker und dem Gesang von Raquel Gigot) als nächstes das Chanson La Foule von Edith Piaf zum Besten gibt – Musik, die von der Sehnsucht nach dem Leben erzählt, so viel verstehe ich, auch ohne die Worte zu verstehen. Lebe – koste es, was es wolle! kommt bei mir an. Das bringt die Stimmung des Lieds auf den Punkt.
Mit dem Stück Die andere Hälfte des Gleichgewichts schicken die sieben Musiker das Publikum mit sanften Klängen in die Pause.

My lady’s welcome home ist der Titel des Stücks, mit dem Servais Haanen und Johanna Stein den zweiten Teil eröffnen. Die melodiösen Klänge muten beinahe klassisch an und lassen mich an den Kanon in D-Dur von Pachelbel denken. Schön.
Nach der Pause geht es mehr zur Sache als im ersten Teil: Adriana de Los Santos und Johanna Stein spielen ein Stück voller brasilianischem Temperament, bei dem das Publikum begeistert mitklatscht. Still zu sitzen, fällt nach der Pause deutlich schwerer.

Adriana de Los Santos und Johanna Stein

Adriana de Los Santos und Johanna Stein

Der Iraner Gulam beweist abermals seine Fingerfertigkeit und bezieht die Zuhörer in schräge Gesangsimprovisationen mit ein, die in einer parodistischen Version der Ode an die Freude gipfeln. Die Stimmung im mehrheitlich weißschöpfigem Publikum ist nun großartig.
Das ändert sich nicht, als Servais Haanen mit der gesamten Kombo im Hintergrund Que je t’aime anstimmt und die Zuhörer darum bittet, etwaige Frivolitäten wohlwollend zu überhören. Ohnehin, wer spricht denn schon französisch?

Servais Haanen singt "Que je t'aime"

Servais Haanen singt „Que je t’aime“

Jordan Djewics nächstes Balkan-Medley beinhaltet dann Klassiker wie Ederlezi oder Kusturicas Underground Tango. Bei seinem zweiten Solo-Auftritt beweist er eine Fingerfertigkeit, die einem Augen und Ohren übergehen lässt.

Jordan Djevic mit elektrischem Akkordeon

Jordan Djevic mit elektrischem Akkordeon

Das Tempo steigert sich im Verlaufe des Medleys, sodass es mich irgendwann reut, in einem Saal von Sitzplätzen gefangen zu sein. Die Tanzlust zu unterdrücken, fällt mir schwer. Das bleibt auch bei den restlichen Darbietungen so.
Nach zwei Zugaben endet der Abend schließlich mit dem brasilianischen Stück Asa branca. Zunächst trägt Johanna Steins Cello-Intro die Zuhörer auf sanften Flügeln davon, dann aber geht es zum Gesang von Rafael Fraga noch einmal zur Sache.

Standing Ovations für das gesamte Ensemble

Standing Ovations für das gesamte Ensemble

Beschwingt verlässt das Publikum letztlich den Saal. Manch einen höre ich leise schwören, nächstes Jahr wiederzukommen.

Alles in allem erklingt auf der Akkordeonale wenig, was mich an die Quetschenklänge jener Samstagvormittage meiner Kindheit erinnert. Darüber bin ich nicht unbedingt böse. Das Akkordeon erweist sich als erstaunlich vielseitiges Instrument und die Kombination mit Fado-Gitarre und Cello als gelungen. Schade nur, dass so wenige jüngere Zuhörer den Weg in die Erfthalle gefunden haben. Sie haben einen musikalisch bereichernden Abend verpasst.

 

Für weitere Termine der Akkordeonale siehe Akkordeonale-Facebook-Seite!
Alle Fotos in diesem Beitrag:
Mit freundlicher Genehmigung von Anita Brandtstäter. 
www.facebook.com/ao.wesseling 
Herzlichen Dank!

2 Gedanken.

  1. Das hast du wirklich schön geschrieben!! Und ich hab es vor Johanna gelesen;)
    Ganz liebe Grüsse aus dem Backstage von der Tufa in Trier
    Kristine

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