1912 – Mission Moderne. Ein Nachklang

Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln präsentiert derzeit die Ausstellung 1912 – Mission Moderne, Die Jahrhundertschau des Sonderbundes.

Diese große Retrospektive findet anlässlich des hundertsten Jubiläums der ursprünglichen Schau statt, die die bürgerlich-reaktionäre Welt des Kaiserreichs damals regelrecht in Aufruhr versetzte. Ziel der Ausstellung war, den maßgeblichen Künstlern und Vertretern der wichtigsten künstlerischen Strömungen eine Plattform zu bieten, um ihre Werke auszustellen – keine allzu leichte Aufgabe bei dem harschen Umgangston, den die Kunstkritik seinerzeit jeglicher Neuerung entgegenbrachte. Selbst heute jenseits jeglicher Diskussion anerkannte Größen der Malerei, wie beispielsweise Vincent van Gogh, mussten in jener Zeit noch um allgemeine Anerkennung ringen, nicht zuletzt aufgrund der bereits erblühenden nationalistischen Tendenzen, denen alles Nicht-Deutsche von vornherein verdächtig erscheinen. Dies führte zu solch grotesken Auswüchsen wie der Präsentation van Goghs als dem großen Germanen.

Hundert Jahre sind seither vergangen und all das, was seinerzeit als wild, ungebührlich und fernab von wahrer Kunst verunglimpft wurde, ist längst in den Kanon der Klassiker der Moderne eingegangen.

Das Erste, was dem Besucher ins Auge fällt, wenn er die Ausstellung betritt, ist mit Sicherheit die Farbenfreude der Kunstwerke. Die Werke sind, abgesehen vom Herz-Saal der Ausstellung, in dem sich die Werke Cezannes, Gauguins, van Goghs und Picassos befinden, wie dereinst nach Nationalitäten geordnet. So spiegeln sich die verschiedenen stilistischen Ausprägungen allesamt in den einzelnen Sälen wider, in jeweils national unterschiedlicher Ausprägung.

Bereits der Beginn ist furios. Die Bilder von Cross, Signac, Luce und Kollegen versetzen den Besucher in ein vielfarbiges Arkadien. Die mutige Verwendung von Komplementärfarben bringt die Werke in ungewohntem Ausmaße zum Leuchten. Um die Effekte der pointillistischen Technik recht würdigen zu können, braucht der Betrachter ein gutes Stück Abstand. Nimmt der Betrachter diese distanzierte Haltung aber ein, gelingt es den Malern mit dieser Punkt-Malerei, eine ganz besondere Atmosphäre zu erschaffen.

Nicht alle Werke der Ausstellung sind in derart leuchtenden Farben gehalten wie die der französischen Pointillisten im ersten Saal. Stets allerdings spielt Farbe eine dominante Rolle, Farbe als Vermittlerin von Stimmungen, die wichtiger sind als eine rein realistische Abbildung. Dementsprechend tritt die Auswahl der Motive oftmals in den Hintergrund.

Ein echter Höhepunkt der Ausstellung sind für mich die Bilder des Norwegers Edvard Munch. Seien es seine Vier Mädchen auf der Brücke oder die verschiedenen beklemmenden Variationen über die nordischen Nadelwälder – Munch gelingt es durch seine stark reduzierte Bildsprache tief ins Bewusstsein des Betrachters einzudringen, ja, ihn regelrecht zu verstören, obschon die Motivik keinerlei Anlass zur Verstörung gibt.

Sollte ich persönlich eines aus der Ausstellung mitgenommen habe, dann, dass ich mich mehr mit der Malerei van Goghs und Gaugins beschäftigen sollte. Von Letzterem hatte ich zuvor praktisch nichts gesehen und seine bildliche Suche nach Unschuld, die wunderschöne Farbigkeit seiner Südseegemälde und zugleich die Tabubrüche beeindruckten mich sehr.

Van Gogh kannte ich bislang nur von den verbreiteten Kunstdrucken. Etwas völlig anderes aber ist es vor einem dieser wundervollen Gemälde zu stehen – ich war überrascht, wie wenig von der eigentlichen Aura eines Bildes so ein Kunstdruck zu transportieren vermag. Faszinierend auch, dass der Maler all diese Bilder in den letzten zehn Jahren seines Lebens vollendete und mit 37 starb, also gerade ein Jahr älter war, als ich es derzeit bin.

Alles in allem empfand ich den Besuch der Ausstellung als sehr inspirierend. Ich kann jedem nur empfehlen, diese auf längere Sicht wohl einmalige Gelegenheit zu nutzen, eine solche Ansammlung von Werken der Kunstgrößen des letzten und vorletzten Jahrhunderts auf engstem Raume auf sich wirken zu lassen.

Köln, 23. November 2012

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